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Buch des Monats

Peter Härtling


November 2017

 

Die Darmstädter Jury hat das Buch

"Aufleuchtende Details: Memoiren eines Erzählers" von Péter Nádas

zum

„Buch des Monats November 2017“ gewählt. 

Rowohlt, Hamburg, ISBN 978-3498046972, EUR 39,95

 

Begründung der Jury:

Der Untertitel, den Péter Nadás seinen monumentalen Erinnerungen – knapp 1300 Seiten – gibt, nämlich „Memoiren eines Erzählers“, ist programmatisch: Nicht nur scheint das zwanzigste Jahrhundert, eines der mörderischsten der jüngeren Geschichte, in ungeheurem Detailreichtum vor uns auf, sondern wir bezeugen lesend auch die Genese des Erzählens aus der Gewalterfahrung: Razzia, Sabotage, Brückenkopf sind die ersten deutschen Worte, die das Kind, Sohn jüdischer Eltern, die sich im kommunistischen Widerstand engagieren, hört. „Sie [die Wörter] fingen mich ein, verschluckten mich.“ 1942 geboren, und zwar an dem Tag, als das Hamburger Reserve-Bataillon 101 die 1259 Bewohner des Ghettos von Misotsch liquidierte, ist diese Gewalterfahrung konstitutiv für den selbst bescheinigten „komplexen Reflexionszwang“ und für „ein Gefühl für Einzelheiten“. Die Liebe zum Detail entspringt folglich nicht einer kulinarischen Freude am Ausmalen, sondern erwächst aus dem unbedingten Willen und der Not-Wendigkeit, den der Massenvernichtung zum Opfer Gefallenen, den am Krieg und am eigenen Scheitern Verzweifelten ihre Integrität – und damit ihre Würde - zu restituieren. In der akribischen Aufsuchung der komplexen Historie, aber auch in den wunderbar plastischen Porträts der Familienmitglieder gelingt dies eindrucksvoll. Erzählen ist bei Nadás Notwehr und Einspruch gegen das Vorgefundene, das schrecklich Vorgefundene: „Ich wollte die Geschichte der zwei großen Massenmorde des Jahrhunderts kennen und verstehen und vor allem die Geschichte der kommunistischen Bewegung“ heißt es einmal, und weiter: „Ich wollte wissen, wer die Toten ihres Herzens waren, die Toten meiner toten Mutter, die Toten meines toten Vaters.“

Wer den ausdauernd kreisenden Suchbewegungen gefolgt ist, wer die haarfeine Erforschung eines Lebens inmitten größter Verwerfungen lesend begleitet hat, kennt sie, am Ende, die Toten, bedrückt und beglückt zugleich.

Darmstädter Jury „Buch des Monats“ (Dagmar Leupold)


Maßstäbe in der Welt der Bücher

Buchempfehlungen aus Darmstadt

Seit 1952 trifft sich regelmäßig eine unabhängige Jury aus Schriftstellern, Journalisten und Literaturkritikern, um aus der Vielzahl der Neuerscheinungen ein Buch besonders hervorzuheben, dessen literarische Qualität es verdient, öffentliche Aufmerksamkeit zu erzeugen.

Institutionelle Basis für die ehrenamtliche Arbeit der Darmstädter Jury ist der Verein "Buch des Monats", der am 4. Oktober 1957 von den Gründungsmitgliedern und Juroren Editha Beckmann, Karl Friedrich Borée, Bernhard von Bretano, Kasimir Edschmid, Rudolf Goldschmidt, Ernst Johann, Heinz-Winfried Sabais, Hans-Joachim Sperr, Franz Thiess, Hermann Trog und Fritz Usinger nach fünfjähriger Jurytätigkeit ins Leben gerufen wurde. Mitglieder dieses Vereins sind außerdem weitere Autoren, auch Buchhändler, Verlage sowie literarische interessierte Personen.

Ihre Aufgabe sieht die Jury vor allem darin, belletristische Bücher auszuwählen, die eine besondere Aufmerksamkeit verdienen. Mit der Auszeichnung „Buch des Monats“ soll diesen Büchern zu einer größeren Verbreitung verholfen werden. Dabei fällt die Wahl nicht unbedingt auf literarische Bestseller. Es sind eher die stilleren Büchern, die den Juroren besonders auffallen. Manches Buch wird durch die Auszeichnung „Buch des Monats“ erst erfolgreich. Nicht Trends bestimmen das Votum, es ist allein die literarische Qualität. Die unterschiedlichsten Formen in der ganzen Breite des Genres – Erzählung, Roman, Lyrik, Reisebeschreibung, Essay, Tagebuch, Briefe und auch Memoiren – werden berücksichtigt.

Fast lückenlos ist die monatliche Auszeichnung seit Oktober 1952 verliehen worden, nur im Juli 1955 und im Juli 1956 gab es kein „Buch des Monats“.

In der Reihe „Darmstädter Schriften“, herausgegeben vom Kulturamt – Magistrat der Stadt Darmstadt sind bisher vier Publikationen zum Buch des Monats, Nr. 12 (1962), Nr. 15 (1965), Nr. 53 (1986) und Nr. 71 (1997), erschienen. In diesen Dokumentationen sind die bis 1997 ausgezeichneten Buchtitel festgehalten, Erläuterungen aus der Praxis der Jury sowie Einführungen zu ausgewählten Büchern und Leseproben, darüber hinaus auch die Biographien der Jurymitglieder nachzulesen.


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Buch des Monats

Die Darmstädter Jury:

Peter Benz
Oliver Jungen
Hanne F. Juritz
Dagmar Leupold
Adrienne Schneider
Dr. Wilfried F. Schoeller
Dr. Gerhard Stadelmaier
Dr. Hajo Steinert
Wolfgang Werth

Kontakt zur Geschäftsstelle über buchdesmonats@hotmail.com

Die Jury

Wer in der Jury des Buchs des Monats sitzt und Informationen über die Mitglieder finden Sie hier