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Buch des Monats

August 2016

 

Die Darmstädter Jury hat das Buch von

Miguel Cervantes: "Die Irrfahrten von Persiles und Sigismunda"

zum Buch des Monats August 2016 gewählt.

 

Die Andere Bibliothek, ISBN-13: 978-3847703761, € 42,00

 

Begründung der Jury:

Dass die abendländische Kultur auf den Schultern von Riesen ruht, ist keine Neuigkeit. Einen die­ser Riesen noch einmal ganz neu aus der Nähe bestaunen und beklettern zu können, ist jedoch ein Glücksgefühl sondergleichen. Miguel Cervantes, hierzulande zu Unrecht vor allem als Autor des "Don Quijote" bekannt, hat vor exakt 400 Jahren - wenige Tage vor seinem Tod - "Die Irr­fahrten von Persiles und Sigismunda" beendet und uns damit eines der überragenden Bücher der Weltliteratur vermacht, einen Abenteuer-, Bildungs-, Reise-, Trost- und vor allem Liebesroman im Extraformat, der so leicht daherkommt und doch hochkomplex angelegt ist. In den Morgenstunden der Moderne stehen wir hier der entfesselten Kraft der Phantasie selbst gegenüber. Sie entwickelt einen solchen erzählerischen Sog, dass jeder, der nur einen Fuß in dieses Buch hineinsetzt, ganz und gar verschlungen wird von der oft atemlos spannenden, dann wieder ironisch gebrochenen, ja urkomischen Reise durch das Zauberreich des Denkmöglichen. Ein kaum überschaubares Arsenal von Figuren begegnet dem Leser in Cervantes' Meisterwerk. Sie werden mit wenigen Strichen so lebensnah und individuell charakterisiert, dass sich ihre Konturen von den Seiten geradezu abzuheben scheinen: Nicht selten sind sie eitel, mitunter eifersüchtig, manchmal grausam, oft auch großherzig und stets mutig. Im Zentrum des hier aufgespannten Kosmos aber steht - wie in allen guten Romanen - die Liebe: Die beiden an innerer und äußerer Schönheit nicht zu übertreffenden Hauptfiguren verlieren einander ein ums andere Mal, nur um sich unter dramatischen Umständen wiederzufinden und damit allen Halunken und Neidern, allen Pessimisten und Fanatikern die wahre Himmelsmacht vor Augen zu führen, was auch jenseits des vor Religionskriegen bebenden 17. Jahrhunderts seine betörende Wirkung hat. Das Buch war so weit seiner Zeit voraus, dass es vielleicht erst heute in seiner Gesamtheit und höheren Harmonie wirklich gewürdigt werden kann. Die souverän sichere Übersetzung von Petra Strien, eine kluge Auswahl von Anmerkungen, das kenntnisreiche Nachwort von Gerhard Poppenburg und die bibliophile Aufmachung machen aus dieser Neuauflage eines zu Unrecht halbvergessenen Klassikers ein buchgeschichtliches Ereignis.

Darmstädter Jury Buch des Monats (Oliver Jungen)

 

 


Maßstäbe in der Welt der Bücher

Buchempfehlungen aus Darmstadt

Seit 1952 trifft sich regelmäßig eine unabhängige Jury aus Schriftstellern, Journalisten und Literaturkritikern, um aus der Vielzahl der Neuerscheinungen ein Buch besonders hervorzuheben, dessen literarische Qualität es verdient, öffentliche Aufmerksamkeit zu erzeugen.

Institutionelle Basis für die ehrenamtliche Arbeit der Darmstädter Jury ist der Verein "Buch des Monats", der am 4. Oktober 1957 von den Gründungsmitgliedern und Juroren Editha Beckmann, Karl Friedrich Borée, Bernhard von Bretano, Kasimir Edschmid, Rudolf Goldschmidt, Ernst Johann, Heinz-Winfried Sabais, Hans-Joachim Sperr, Franz Thiess, Hermann Trog und Fritz Usinger nach fünfjähriger Jurytätigkeit ins Leben gerufen wurde. Mitglieder dieses Vereins sind außerdem weitere Autoren, auch Buchhändler, Verlage sowie literarische interessierte Personen.

Ihre Aufgabe sieht die Jury vor allem darin, belletristische Bücher auszuwählen, die eine besondere Aufmerksamkeit verdienen. Mit der Auszeichnung „Buch des Monats“ soll diesen Büchern zu einer größeren Verbreitung verholfen werden. Dabei fällt die Wahl nicht unbedingt auf literarische Bestseller. Es sind eher die stilleren Büchern, die den Juroren besonders auffallen. Manches Buch wird durch die Auszeichnung „Buch des Monats“ erst erfolgreich. Nicht Trends bestimmen das Votum, es ist allein die literarische Qualität. Die unterschiedlichsten Formen in der ganzen Breite des Genres – Erzählung, Roman, Lyrik, Reisebeschreibung, Essay, Tagebuch, Briefe und auch Memoiren – werden berücksichtigt.

Fast lückenlos ist die monatliche Auszeichnung seit Oktober 1952 verliehen worden, nur im Juli 1955 und im Juli 1956 gab es kein „Buch des Monats“.

In der Reihe „Darmstädter Schriften“, herausgegeben vom Kulturamt – Magistrat der Stadt Darmstadt sind bisher vier Publikationen zum Buch des Monats, Nr. 12 (1962), Nr. 15 (1965), Nr. 53 (1986) und Nr. 71 (1997), erschienen. In diesen Dokumentationen sind die bis 1997 ausgezeichneten Buchtitel festgehalten, Erläuterungen aus der Praxis der Jury sowie Einführungen zu ausgewählten Büchern und Leseproben, darüber hinaus auch die Biographien der Jurymitglieder nachzulesen.


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Die Jury

Wer in der Jury des Buchs des Monats sitzt und Informationen über die Mitglieder finden Sie hier