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Buch des Monats

Mai 2021

die Darmstädter Jury „Buch des Monats e.V.“ hat „Ach du gestreifte Hyäne. Briefe des Malers Isaak Levitan an Anton Cechov“, aus dem Russischen übersetzt von Peter Urban, erschienen im Verlag Friedenauer Presse, ISBN 978-3-75180-603-9, EUR 18,00

zum Buch des Monats Mai gewählt.

„Du fragst, was ist das Leben? Das ist das gleiche, als würde man fragen: Was ist eine Mohrrübe? Eine Mohrrübe ist eine Mohrrübe, und das ist alles“, schreibt Anton Tschechow an seine Frau („Mein liebes Hündchen“) Olga Knipper am 20. April 1904. Der Dramatiker an die Schauspielerin. Der Stoiker und Marc-Aurel-Adept, der es nimmt, wie es ist und kommt, an die Ekstatikerin, die vom Leben immer das Schönere, Tollere, Mohrrübenhaftere haben möchte („Ich wage es nicht, mich Deine Frau zu nennen“). Ihr Briefwechsel: das weltberühmte Zeugnis einer liebevollst-grandiosen gegenseitigen Verkennung. Jetzt halten wir sozusagen das bisher nicht bekannte kuriose blitzgewittrige Vor- und Parallelspiel zu dieser Mann-Frau-Asymetrie in Form einer Mann-Mann-Asymetrie in Händen: Die Friedenauer Presse präsentiert zum ersten Mal auf Deutsch die Briefe des Malers Isaak Lewitan an Tschechow. Epistelwürfe eines mit allem Leben und allen Mohrrüben hadernden und leidenden Landschaftsmalers, der als ein Dauerunglücklicher und Dauerkranker dem Glücks- wie Unglücks- wie Krankheitsverächter oder besser: -Belächler Tschechow von 1885 bis zu Lewitans Tod im Jahr 1900 schnoddrigst auf die Pelle rückt. Und mit vergifteten Lob- und Hudelpfeilen in Richtung des Prominenteren, Berühmteren nicht spart, neidvoll unterwürfig bis rotzfrech übergriffig. Tschechows Antwortbriefe hat er wohlweislich verbrannt. Dessen Reaktionen auf Lewitan, mitleidig bis bewunderungsgrundiert, werden aus anderweitigen verstreuten Dokumenten dargeboten. Dazu gibt es herrliche Lewitan-Bilder russischer prunkvoller Verlassenheitslandschaften nebst einer tollsttraurigen Unglückserzählung, die tschechowironisch mit „Glück“ übertitelt ist, dazu Notizen, Tagebucheinträge samt Motiv-Spurenlegungen hin zur „Möwe“ und zum „Kirschgarten“. All das macht dieses schmale, aber eminente Buch zu einem Brevier russischen Abseitsseins im späten neunzehnten Jahrhundert in Form eines Duetts für eine Stimme. Verzweiflung mit Goldrand und Herzstillstand. Wobei die medizinische Diagnose auch eine gesellschaftliche ist.

(Darmstädter Jury "Buch des Monats e.V.", Gerhard Stadelmaier)

 

 


Maßstäbe in der Welt der Bücher

Buchempfehlungen aus Darmstadt

Seit 1952 trifft sich regelmäßig eine unabhängige Jury aus Schriftstellern, Journalisten und Literaturkritikern, um aus der Vielzahl der Neuerscheinungen ein Buch besonders hervorzuheben, dessen literarische Qualität es verdient, öffentliche Aufmerksamkeit zu erzeugen.

Institutionelle Basis für die ehrenamtliche Arbeit der Darmstädter Jury ist der Verein "Buch des Monats", der am 4. Oktober 1957 von den Gründungsmitgliedern und Juroren Editha Beckmann, Karl Friedrich Borée, Bernhard von Bretano, Kasimir Edschmid, Rudolf Goldschmidt, Ernst Johann, Heinz-Winfried Sabais, Hans-Joachim Sperr, Franz Thiess, Hermann Trog und Fritz Usinger nach fünfjähriger Jurytätigkeit ins Leben gerufen wurde. Mitglieder dieses Vereins sind außerdem weitere Autoren, auch Buchhändler, Verlage sowie literarische interessierte Personen.

Ihre Aufgabe sieht die Jury vor allem darin, belletristische Bücher auszuwählen, die eine besondere Aufmerksamkeit verdienen. Mit der Auszeichnung „Buch des Monats“ soll diesen Büchern zu einer größeren Verbreitung verholfen werden. Dabei fällt die Wahl nicht unbedingt auf literarische Bestseller. Es sind eher die stilleren Büchern, die den Juroren besonders auffallen. Manches Buch wird durch die Auszeichnung „Buch des Monats“ erst erfolgreich. Nicht Trends bestimmen das Votum, es ist allein die literarische Qualität. Die unterschiedlichsten Formen in der ganzen Breite des Genres – Erzählung, Roman, Lyrik, Reisebeschreibung, Essay, Tagebuch, Briefe und auch Memoiren – werden berücksichtigt.

Fast lückenlos ist die monatliche Auszeichnung seit Oktober 1952 verliehen worden, nur im Juli 1955 und im Juli 1956 gab es kein „Buch des Monats“.

In der Reihe „Darmstädter Schriften“, herausgegeben vom Kulturamt – Magistrat der Stadt Darmstadt sind bisher vier Publikationen zum Buch des Monats, Nr. 12 (1962), Nr. 15 (1965), Nr. 53 (1986) und Nr. 71 (1997), erschienen. In diesen Dokumentationen sind die bis 1997 ausgezeichneten Buchtitel festgehalten, Erläuterungen aus der Praxis der Jury sowie Einführungen zu ausgewählten Büchern und Leseproben, darüber hinaus auch die Biographien der Jurymitglieder nachzulesen.

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Buch des Monats

Die Darmstädter Jury:

Peter Benz
Michael Braun
Oliver Jungen
Hanne F. Juritz
Adrienne Schneider
Dr. Tilman Speckelsen
Dr. Gerhard Stadelmaier
Dr. Hajo Steinert
Wolfgang Werth

Kontakt zur Geschäftsstelle über buchdesmonats@1sp4mhotmail.abcom

Wichtige Mitteilung
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