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Buch des Monats

November 2020

 

Die Darmstädter Jury hat das Buch von 

Seweryna Szmaglewska „Die Frauen von Birkenau“

zum Buch des Montats November 2020 gewählt, erschienen im Frankfurter Schöffling Verlag

Es gibt Dinge, die kein Buch der Welt vergrößern kann. Auch gar nicht vergrößern muss. Denn solche Dinge gehören zum eigentlich Unfassbaren. Es genügt, sie einfach zu schildern. Damit das Unfassbare halbwegs in die Nähe fassbarer Wörter und Sätze kommt. Auschwitz-Birkenau ist solch ein Unfassbares: Hier wurden bis zum 18. Januar 1945 etwa fünf Millionen Menschen verbrannt. Polen, Russen, Jugoslawen, Tschechen, Engländer, Holländer, Franzosen, Belgier, Italiener, Ukrainer, Esten, Zigeuner, Juden. Seweryna Szmaglewska, eine junge Polin, Jahrgang 1916, die ins Lager kam, weil sie auf offener Straße in Warschau ihre Brille zurechtrückte, was ein SS-Mann als geheimes Signal an eine Widerstandsgruppe deutete, entkam den Flammen und dem „Rauch über Birkenau“, so der ursprüngliche Titel des Buches, durch eine abenteuerliche Flucht aus einem Todesmarsch kurz vor der Auflösung des Lagers. Gleich danach, noch 1945/46, schrieb sie auf, was sie im Lager sah und erlebte. Und sie schrieb es so auf, dass sie auch als Zeugin vor dem Kriegsverbrecher-Tribunal der Alliierten in Nürnberg den Glauben eines Entsetzens fand, das sich eben nicht aus subjektiver Betroffenheit, Empörung, Fassungslosigkeit und Abscheu speiste – sondern aus einer Sachlichkeit des genauen sozusagen objektivierbaren Hinsehens. Aber herkommend aus einem gnadenlosen Dabeiseinmüssen. „Die Frauen von Birkenau“, so der deutsche Titel von Szmaglewskas Lager-Bericht, sind weder ein Roman noch eine Reportage noch eine persönliche Erinnerung. Sie sind eine Chronikerzählung der fortlaufenden Schrecken, herabgebrochen auf den zum Teil grotesken Alltag im Lager des Schreckens. Mit allem Menschenmöglichen (auch an Sehnsucht, Verräterei, Trost, Opportunismus, Solidarität, Verzweiflung, Wahnsinn, Trostlosigkeit) was im Menschenunmöglichen des Terrors gerade eben noch möglich war. In Polen, wo sie bis 1992 lebte, ist Seweryna Szmaglewskas Buch jedem Schulkind geläufig. In Deutschland, wo es an jedweder Art von Literatur über den Holocaust ja keineswegs mangelt, ist es erst jetzt, nach fast fünfundsiebzig Jahren, in Marta Kijowskas grandioser, sprachleuchtender Übersetzung erschienen. Und wir, die wir glaubten, schon alles über das Unfassbare gewusst zu haben, lesen das: als wie ein Neues. Manche Bücher kommen eben auch spät noch früh genug.

(Darmstädter Jury "Buch des Monats e.V.", Gerhard Stadelmaier)

 

 

 

 

 


Maßstäbe in der Welt der Bücher

Buchempfehlungen aus Darmstadt

Seit 1952 trifft sich regelmäßig eine unabhängige Jury aus Schriftstellern, Journalisten und Literaturkritikern, um aus der Vielzahl der Neuerscheinungen ein Buch besonders hervorzuheben, dessen literarische Qualität es verdient, öffentliche Aufmerksamkeit zu erzeugen.

Institutionelle Basis für die ehrenamtliche Arbeit der Darmstädter Jury ist der Verein "Buch des Monats", der am 4. Oktober 1957 von den Gründungsmitgliedern und Juroren Editha Beckmann, Karl Friedrich Borée, Bernhard von Bretano, Kasimir Edschmid, Rudolf Goldschmidt, Ernst Johann, Heinz-Winfried Sabais, Hans-Joachim Sperr, Franz Thiess, Hermann Trog und Fritz Usinger nach fünfjähriger Jurytätigkeit ins Leben gerufen wurde. Mitglieder dieses Vereins sind außerdem weitere Autoren, auch Buchhändler, Verlage sowie literarische interessierte Personen.

Ihre Aufgabe sieht die Jury vor allem darin, belletristische Bücher auszuwählen, die eine besondere Aufmerksamkeit verdienen. Mit der Auszeichnung „Buch des Monats“ soll diesen Büchern zu einer größeren Verbreitung verholfen werden. Dabei fällt die Wahl nicht unbedingt auf literarische Bestseller. Es sind eher die stilleren Büchern, die den Juroren besonders auffallen. Manches Buch wird durch die Auszeichnung „Buch des Monats“ erst erfolgreich. Nicht Trends bestimmen das Votum, es ist allein die literarische Qualität. Die unterschiedlichsten Formen in der ganzen Breite des Genres – Erzählung, Roman, Lyrik, Reisebeschreibung, Essay, Tagebuch, Briefe und auch Memoiren – werden berücksichtigt.

Fast lückenlos ist die monatliche Auszeichnung seit Oktober 1952 verliehen worden, nur im Juli 1955 und im Juli 1956 gab es kein „Buch des Monats“.

In der Reihe „Darmstädter Schriften“, herausgegeben vom Kulturamt – Magistrat der Stadt Darmstadt sind bisher vier Publikationen zum Buch des Monats, Nr. 12 (1962), Nr. 15 (1965), Nr. 53 (1986) und Nr. 71 (1997), erschienen. In diesen Dokumentationen sind die bis 1997 ausgezeichneten Buchtitel festgehalten, Erläuterungen aus der Praxis der Jury sowie Einführungen zu ausgewählten Büchern und Leseproben, darüber hinaus auch die Biographien der Jurymitglieder nachzulesen.

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Buch des Monats

Die Darmstädter Jury:

Peter Benz
Michael Braun
Oliver Jungen
Hanne F. Juritz
Adrienne Schneider
Dr. Tilman Speckelsen
Dr. Gerhard Stadelmaier
Dr. Hajo Steinert
Wolfgang Werth

Kontakt zur Geschäftsstelle über buchdesmonats@1sp4mhotmail.abcom

Wichtige Mitteilung
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