Wissenschaftsstadt Darmstadt

Luisenplatz 5 A
64283 Darmstadt
Telefon: +49 (0)6151-13-1

E-Mail: info@darmstadt.de

ImpressumDatenschutz und Nutzungsbedingungen

1

Darmstadt Aktuell

Neue Ausstellung Mathildenhöhe: Ornament im Quadrat

(PSD) – Donnerstag, 09.03.2017

Die Jugendstilfliesen-Schenkung Inge Niemöller vom 12. März bis 28. Mai 2017

Fliesen aus der Schenkung Inge Niemöller: Fliese mit Blumenornament, 1862-1910 von William De Morgan, Fliese mit gelben Gänseblümchen (Bedford Park Daisy) 1882-1888, Fliese mit Blumenornament 1900-1908. © Institut Mathildenhöhe / Städtische Kunstsammlung Darmstadt, Foto: Gregor Schuster

Dem „Ornament im Quadrat“ geht das Institut Mathildenhöhe Darmstadt in einer rund 200 Werke umfassenden Ausstellung nach. Im Zentrum der Schau steht eine Auswahl englischer Jugendstilfliesen, die im Jahr 2015 durch eine umfangreiche testamentarische Schenkung der verstorbenen Sammlerin Inge Niemöller in den Besitz der Städtischen Kunstsammlung Darmstadt gelangt ist und nun erstmals öffentlich präsentiert wird.

> Die Fliese im Alltag

Die Fliese war um 1900 in Europa allgegenwärtig: Ob an öffentlichen Plätzen wie Bibliotheken oder Kaufhäusern, oder in privaten Räumlichkeiten wie Küchen oder Bädern – überall hielt die Ornamentfreude des Jugendstils mit einer Fülle neuer Bildmotive auf Wand und Bodenfliesen Einzug. Das handliche – meist 15 x 15 cm große – Format konnte dank moderner Produktionsmethoden seriell und damit kostengünstig angefertigt werden. Auch aufgrund ihrer hygienischen und dekorativen Vorteile fand die Fliese beinahe in allen Bereichen des Alltags Verwendung.

Die Ausstellung in den Bildhauerateliers des Museum Künstlerkolonie stellt die Fliese als Ornamentträger und zugleich als Gebrauchsgegenstand vor und verdeutlicht dabei anschaulich die radikalen kunst- und kulturgeschichtlichen Entwicklungen sowohl im privaten als auch im gesellschaftlichen Bereich – angefangen bei der Industrialisierung über die Stilerneuerung bis hin zur Lebens- und Kunstgewerbereform.

> Fliesen auf der Mathildenhöhe

Ein weiterer Schwerpunkt der Ausstellung liegt auf den Werken von Mitgliedern der Künstlerkolonie Darmstadt. Anfang des 20. Jahrhunderts entwarfen auch Joseph Maria Olbrich, Peter Behrens, Hans Christiansen und Jakob Julius Scharvogel zahlreiche Fliesen für die Künstler- und Atelierhäuser auf der Mathildenhöhe, aber ebenso für bekannte Unternehmen. Produktionsstätten wie die Großherzogliche Keramische Manufaktur, die Wächtersbacher Steingutfabrik und die in Ungarn beheimatete Keramikmanufaktur Zsolnay führten die Entwürfe der Künstlerkolonie-Mitglieder aus. Die von Villeroy & Boch ausgestattete Russische Kapelle (1880 – 1899) sowie das von Albin Müller entworfene „Lilienbecken“ (1914), das von der Firma Gail ausgeführt wurde, markieren hier exemplarisch den Anfang und Ausklang der Fliesenherstellung für die Mathildenhöhe Darmstadt.

Die Ausstellung gibt zudem Einblicke in technische Innovationen, die die Produktion hochwertiger Massenprodukte förderten. Zu diesen Errungenschaften zählt beispielsweise die vom Ingenieur Richard Prosser 1840 entwickelte Herstellungsmethode der Trockenpressung, die schnell von führenden englischen Fabriken genutzt wurde und ab 1875 auch in anderen europäischen Industrieländern die traditionelle manuelle Herstellung ablöste. Verschiedene Dekorationstechniken wie der maschinell aufgeprägte Reliefdekor, die Fadenschlickertechnik oder das Umdruckverfahren werden ebenfalls in der Ausstellung präsentiert. Sie veranschaulichen den Einfallsreichtum der Fliesenhersteller hinsichtlich der Erfindung neuer Verfahren.

> Qualität aus europäischen Produktionsstätten

Die seit den 1860er-Jahren in Großbritannien entstandene Arts-and-Crafts-Bewegung mit Künstlern wie William Morris, William De Morgan und Christopher Dresser gaben entscheidende Impulse für die Entwicklung der Jugendstilfliese. Die mechanischen Produktionsweisen und der damit einhergehende Qualitätsverlust des Designs stießen bei den Künstlern, Architekten und Designern auf Ablehnung. Sie forderten die Rückbesinnung auf kunsthandwerkliche Traditionen und hochwertige handgefertigte Produkte.

Wichtige englische sowie einige europäische Produktionsstätten wie Minton´s China Works, Pilkington’s Tile & Pottery Co., Gilliot & Cie., Villeroy & Boch und Tonwerk Offstein werden innerhalb der Ausstellung vorgestellt. Waren bis Ende des 19. Jahrhunderts die revolutionären technischen und künstlerischen Errungenschaften noch von England ausgegangen, so verhalfen nun die europäischen Länder auf dem Kontinent dem quadratischen Kleinformat zu neuer Konjunktur. Innovative  Dekorationstechniken, Motive und Wege für die Zusammenarbeit von Kunst und Industrie wurden beispielsweise in Deutschland mit großem Erfolg entwickelt.

> Schau der Jugendstilornamentik um 1900

Erweitert wird die Ausstellung durch rund 35 Leihgaben von 15 verschiedenen Institutionen, darunter das Museum für Gestaltung Zürich, das Hessische Landesmuseum Darmstadt, die Badische Landesbibliothek Stuttgart sowie private Leihgeber. Zu den wertvollen Leihgaben zählen herausragende Tapetenentwürfe von William Morris sowie Teller, Vasen und Fliesen des Keramikkünstlers William De Morgan.

Durch die Zusammenführung dieser Leihgaben mit Werken aus der Schenkung Inge Niemöller, den Arbeiten der Künstlerkolonie-Mitglieder sowie Entwurfszeichnungen, Büchern, Stoffen und Möbeln verdeutlicht die Schau die vielfältigen Einflüsse und die Verbreitung der Jugendstilornamentik um 1900 in Europa.

 

Die Schenkerin:

Inge Niemöller (1928 – 2015), die Nichte des weltweit bekannten Theologen und Mitglieds der Bekennenden Kirche Martin Niemöller, wurde in Essen an der Ruhr geboren und stammte aus einer Juristenfamilie. Schon in ihrer Jugend interessierte sie sich für Literatur und absolvierte infolgedessen ein Studium am Süddeutschen Bibliothekar-Lehrinstitut in Stuttgart. Danach arbeitete sie an den Goethe-Instituten in Kairo und London. Während ihres beinahe 20-jährigen Aufenthalts in der britischen Hauptstadt trug sie mehr als 700 Fliesen aus der Zeit zwischen 1850 und 1930 zusammen, von denen sie über 600 dem Institut Mathildenhöhe vermachte. Niemöller verließ England im Jahr 1986 und kehrte nach Deutschland zurück. Sie setzte sich fortan intensiv ehrenamtlich für Menschenrechte ein, sowohl für UNICEF als auch 28 Jahre lang für Amnesty International. Als Inspiration für diesen wertvollen Einsatz für Menschen in der ganzen Welt nannte sie Martin Niemöller: „Mein Onkel und sein Einsatz für Gerechtigkeit und für Unterdrückte hat mich menschlich stark beeinflusst.“

 

Mehr Infos zur Ausstellung gibt es auf www.mathildenhoehe.eu