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Buch des Monats

April 2019

 

Die Darmstädter Jury hat das Buch 

„Schotter“ von Florjan Lipuš zum Buch des Monats April gewählt,

es ist im Verlag: Jung und Jung, Salzburg erschienen, 20 €, ISBN 978-3-99027-229-9

 

Begründung der Jury:
Was kann man an den Schuhsohlen mitnehmen? Nicht einmal sein Vaterland, wie es in Büchners „Danton“ pessimistisch heißt. Wie denn dann den Schmerz, die Tränen, den Hunger, die Vernichtung, die Erniedrigung, den Tod, den Mord mitnehmen, den dies Vaterland denen zukommen hat lassen, die es als nicht zugehörig, als „untermenschlich“ und „unwert“ verwarf? Eine Gruppe Nachgeborener versucht in diesem so grandios schonungslos wie staunensstarr den Schrecken bannenden Buch, im „Schotter“ (so auch sein Titel) zwischen den Barackenresten eines ehemaligen Konzentrationslagers, die Fuß- und Sohlenabdrücke ihrer Vorfahren zu erspüren, Kärntner Slowenen, die von den Nazis hier ermordet wurden. Und mit den Fuß- und Sohlenabdrücken auch eine Ahnung dessen zu bekommen, was sie gelitten und durchgemacht haben. Florjan Lipuš, der bedeutendste Schriftsteller des slowenischen Sprach- und Lebensraums, lässt diesen Nachgeborenen in seinem, ja was?, Roman? Bericht?, Protokoll?, komponiert wie ein alter, verwunschener, fremdpoetischer Gesang, keine Chance, die Geister der Vergangenheit in einem „Gedächtnismarsch“ dem Vergessen zu entreißen. Ja, nicht einmal, ihnen nahe zu kommen. Die Gegenwart, aus der die Gedächtnisgeher aufgebrochen sind, das Dorf, das sie ausgestoßen hat und sich vor ihnen misstrauisch wegduckt, sind stärker. Wer weiterleben will, kommt mit Erinnern nicht weiter. Zwei Kinder, Brüderlein und Schwesterlein, eine Art Hänsel und Gretel in der Fremde, die beiden einzigen Figuren des Gedächtnismarsches, die in der Marschmasse kenntlich werden, spüren das am eigenen Leib – und werden darüber erwachsen. „Wider das Vergessen“ ist eine himmlisch schöne Losung. Für die Sonntagsreden. „Für das Vergessen“ ist eine höllisch hässliche Losung. Für den Überlebensalltag. Darüber wird hier nicht gejammert. Das wird einfach nur festgestellt. Und diese Feststellung ist gewaltiger und größer, als es jede Klage wäre.

Darmstädter Jury Buch des Monats e.V. (Gerhard Stadelmaier)


Maßstäbe in der Welt der Bücher

Buchempfehlungen aus Darmstadt

Seit 1952 trifft sich regelmäßig eine unabhängige Jury aus Schriftstellern, Journalisten und Literaturkritikern, um aus der Vielzahl der Neuerscheinungen ein Buch besonders hervorzuheben, dessen literarische Qualität es verdient, öffentliche Aufmerksamkeit zu erzeugen.

Institutionelle Basis für die ehrenamtliche Arbeit der Darmstädter Jury ist der Verein "Buch des Monats", der am 4. Oktober 1957 von den Gründungsmitgliedern und Juroren Editha Beckmann, Karl Friedrich Borée, Bernhard von Bretano, Kasimir Edschmid, Rudolf Goldschmidt, Ernst Johann, Heinz-Winfried Sabais, Hans-Joachim Sperr, Franz Thiess, Hermann Trog und Fritz Usinger nach fünfjähriger Jurytätigkeit ins Leben gerufen wurde. Mitglieder dieses Vereins sind außerdem weitere Autoren, auch Buchhändler, Verlage sowie literarische interessierte Personen.

Ihre Aufgabe sieht die Jury vor allem darin, belletristische Bücher auszuwählen, die eine besondere Aufmerksamkeit verdienen. Mit der Auszeichnung „Buch des Monats“ soll diesen Büchern zu einer größeren Verbreitung verholfen werden. Dabei fällt die Wahl nicht unbedingt auf literarische Bestseller. Es sind eher die stilleren Büchern, die den Juroren besonders auffallen. Manches Buch wird durch die Auszeichnung „Buch des Monats“ erst erfolgreich. Nicht Trends bestimmen das Votum, es ist allein die literarische Qualität. Die unterschiedlichsten Formen in der ganzen Breite des Genres – Erzählung, Roman, Lyrik, Reisebeschreibung, Essay, Tagebuch, Briefe und auch Memoiren – werden berücksichtigt.

Fast lückenlos ist die monatliche Auszeichnung seit Oktober 1952 verliehen worden, nur im Juli 1955 und im Juli 1956 gab es kein „Buch des Monats“.

In der Reihe „Darmstädter Schriften“, herausgegeben vom Kulturamt – Magistrat der Stadt Darmstadt sind bisher vier Publikationen zum Buch des Monats, Nr. 12 (1962), Nr. 15 (1965), Nr. 53 (1986) und Nr. 71 (1997), erschienen. In diesen Dokumentationen sind die bis 1997 ausgezeichneten Buchtitel festgehalten, Erläuterungen aus der Praxis der Jury sowie Einführungen zu ausgewählten Büchern und Leseproben, darüber hinaus auch die Biographien der Jurymitglieder nachzulesen.


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Buch des Monats

Die Darmstädter Jury:

Peter Benz
Oliver Jungen
Hanne F. Juritz
Dagmar Leupold
Adrienne Schneider
Dr. Wilfried F. Schoeller
Dr. Gerhard Stadelmaier
Dr. Hajo Steinert
Wolfgang Werth

Kontakt zur Geschäftsstelle über buchdesmonats@hotmail.com