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Buch des Monats

Juni 2020

 

Die Darmstädter Jury hat das Buch von 

Ulrich Becher: „New Yorker Novellen.“ Ein Zyklus in drei Nächten zum Buch des Monats Juni gewählt

mit einem Nachwort von Moritz Wagner. Schöffling Verlag, Frankfurt am Main 2020, 408 S., geb., ISBN: 978-3-89561-453-8, 24 €.

 

Wie eine Urgewalt, ein sprachlich-stilistischer Tsunami, bricht dieses Buch des Meisterschülers von George Grosz über seine Leser herein, auch und gerade heute noch. Dass Ulrich Becher für seine 1945 im New Yorker Exil begonnenen Erzählungen, die die eigenen Exilerfahrungen so bezwingend melancholisch wie furios satirisch zu Porträt-Parabeln über Täter, Opfer und Verwirrte verdichten, in den Vereinigten Staaten keinen Verleger fand, weshalb die kleine Sammlung erstmals nach seiner Rückkehr nach Europa in Wien (1950) erschien, lässt sich noch mit den Zeitumständen erklären. Dass aber inmitten der staubig-realistischen, künstlerisch vor allem adretten Epoche der sogenannten Trümmerliteratur ein derart moderner, rasanter, hinreißend grotesker Tonfall, in dem sich expressionistische Seelenschau und Weimarer Emphase mit amerikanischer Lockerheit verbinden, überhaupt möglich war, kann den Atem verschlagen. Becher schreibt – universal anschlussfähig – über einsame Außenseiter in zerrissenen Gesellschaften: über die brutalen Erfahrungen des jüdischen Gelehrten Dr. Klopstock in Dachau wie im amerikanischen Exil, über die Gewissensnöte des zum „Modepsychoanalytiker der New Yorker Gesellschaft“ aufsteigenden Exilschriftstellers Hans Heinz Nachtigall oder über den traumatisierten amerikanischen Kampfpiloten Slocum, aber er tut all das mit starker Neigung ins Dialogische und einem grandios bitteren Humor, was die nah an Verzweiflung und Wahnsinn gebauten Figuren auf leichtfüßige Weise ihrer Zeit enthebt und beinahe zu unseren Zeitgenossen macht. An den „New Yorker Novellen“ ist durchaus der Einfluss von George Grosz und seinem Kreis ablesbar, vor allem jedoch zeigen sie die sprachspielerische Brillanz und ästhetische Modernität dieses produktiven, bislang aber vor allem für sein Hauptwerk „Murmeljagd“ (1969) bekannten Autors, den es unbedingt wiederzulesen gilt. Ulrich Bechers vorbildlich neu aufgelegter „Zyklus in drei Nächten“ ist der Preistitel der Darmstädter Jury Buch des Monats Juni.

 

(Darmstädter Jury „Buch des Monats e.V.“, Oliver Jungen)

 


Maßstäbe in der Welt der Bücher

Buchempfehlungen aus Darmstadt

Seit 1952 trifft sich regelmäßig eine unabhängige Jury aus Schriftstellern, Journalisten und Literaturkritikern, um aus der Vielzahl der Neuerscheinungen ein Buch besonders hervorzuheben, dessen literarische Qualität es verdient, öffentliche Aufmerksamkeit zu erzeugen.

Institutionelle Basis für die ehrenamtliche Arbeit der Darmstädter Jury ist der Verein "Buch des Monats", der am 4. Oktober 1957 von den Gründungsmitgliedern und Juroren Editha Beckmann, Karl Friedrich Borée, Bernhard von Bretano, Kasimir Edschmid, Rudolf Goldschmidt, Ernst Johann, Heinz-Winfried Sabais, Hans-Joachim Sperr, Franz Thiess, Hermann Trog und Fritz Usinger nach fünfjähriger Jurytätigkeit ins Leben gerufen wurde. Mitglieder dieses Vereins sind außerdem weitere Autoren, auch Buchhändler, Verlage sowie literarische interessierte Personen.

Ihre Aufgabe sieht die Jury vor allem darin, belletristische Bücher auszuwählen, die eine besondere Aufmerksamkeit verdienen. Mit der Auszeichnung „Buch des Monats“ soll diesen Büchern zu einer größeren Verbreitung verholfen werden. Dabei fällt die Wahl nicht unbedingt auf literarische Bestseller. Es sind eher die stilleren Büchern, die den Juroren besonders auffallen. Manches Buch wird durch die Auszeichnung „Buch des Monats“ erst erfolgreich. Nicht Trends bestimmen das Votum, es ist allein die literarische Qualität. Die unterschiedlichsten Formen in der ganzen Breite des Genres – Erzählung, Roman, Lyrik, Reisebeschreibung, Essay, Tagebuch, Briefe und auch Memoiren – werden berücksichtigt.

Fast lückenlos ist die monatliche Auszeichnung seit Oktober 1952 verliehen worden, nur im Juli 1955 und im Juli 1956 gab es kein „Buch des Monats“.

In der Reihe „Darmstädter Schriften“, herausgegeben vom Kulturamt – Magistrat der Stadt Darmstadt sind bisher vier Publikationen zum Buch des Monats, Nr. 12 (1962), Nr. 15 (1965), Nr. 53 (1986) und Nr. 71 (1997), erschienen. In diesen Dokumentationen sind die bis 1997 ausgezeichneten Buchtitel festgehalten, Erläuterungen aus der Praxis der Jury sowie Einführungen zu ausgewählten Büchern und Leseproben, darüber hinaus auch die Biographien der Jurymitglieder nachzulesen.

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Buch des Monats

Die Darmstädter Jury:

Peter Benz
Michael Braun
Oliver Jungen
Hanne F. Juritz
Adrienne Schneider
Dr. Tilman Speckelsen
Dr. Gerhard Stadelmaier
Dr. Hajo Steinert
Wolfgang Werth

Kontakt zur Geschäftsstelle über buchdesmonats@1sp4mhotmail.abcom

Wichtige Mitteilung
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