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2018 Ferdinand von Schirach

Am 3. Oktober wurde Ferdinand von Schirach mit dem Ricarda-Huch-Preis ausgezeichnet.

Oberbürgermeister Jochen Partsch: Wenn wir eines gleich zu Anfang aus den Büchern und Geschichten, die uns Ferdinand von Schirach zu erzählen hat, lernen, dann ist es, dass uns die Frage nach der Schuld nicht sehr weit führt. Dass sie vielleicht doch vor Gericht immer noch am besten aufgehoben sein könnte, auch wenn das dort gesprochene Recht eben nicht dem vermeintlichen „Rechtsempfinden der Bevölkerung“ entspricht, sondern komplex und sperrig, dafür aber für alle
gleich ist.

Der Spiegel nannte ihn einen „großartigen Erzähler“, die New York Times einen „außergewöhnlichen Stilisten“, der Independent verglich ihn mit Kafka und Kleist und der Daily Telegraph schrieb, er sei „eine der markantesten Stimmen der europäischen Literatur“. Ferdinand von Schirachs Erzählbände wurden millionenfach verkauft und sind in mehr als 40 Ländern zu Bestsellern geworden.

 

 


Laudationes auf Ferdinand von Schirach am 3. Oktober 2018

Aus der Rede von Florian Illies:
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
ich möchte heute zu Ihnen über Vergangenheitsformen sprechen. Nicht nur, weil ich glaube, dass es auf dieser Ebene eine unterschwellige Verbindung zwischen dem schriftstellerischen Schaffen von Ricarda Huch und Ferdinand von Schirach gibt. Sondern auch, weil die Vergangenheit die zentrale Zeitebene in Ferdinand von Schirachs Büchern ist – und die Gegenwart eigentlich immer nur ihr unbedeutender Echoraum.

Weiter sagte er: Die deutsche Sprache kennt drei Vergangenheitsformen: das Präterium, das Perfekt, das Plusquamperfekt. Ricarda Huch hat eine vierte gefunden für ihre ganz spezifische Form sich der Geschichte zu nähern: die der leidenschaftlichen Anverwandlung. Sie will die Geschichte lebendig machen, ganz gleich in welchen historischen Tiefen sie sich scheinbar zu verstecken scheint. Gemäß des Zitates von William Faulkner: „The past isn’t dead. It is not even past“. Die Vergangenheit also ist nicht tot, nein, sie ist noch nicht einmal vergangen.

Ferdinand von Schirachs Prosa liebt das Plusquamperfekt und das Präterium. Sie beide verschleifen die Zeitebenen nicht so wie es das sanfte Perfekt tut, sie scheiden klar zwischen dem, was war und dem, was ist.
Ferdinand von Schirach bei seiner Dankesrede.
Oberbürgermeister Jochen Partsch: „Dieser Diskurs ist Demokratie“, haben Sie, sehr geehrter Herr von Schirach, zu einem anderen Ricarda-Huch-Preisträger, zu Alexander Kluge, in ihrem Band „Die Herzlichkeit der Vernunft“ gesagt und „Nur wenn wir verstehen, dass wir nichts sicher wissen, bleiben wir vorsichtig.“

Weiter in seiner Rede sagte der Oberbürgermeister: Meine sehr geehrten Damen und Herren, es sind die grundsätzlichen Themen der Menschheit und der Gesellschaft, die uns Menschen immer wieder neu bewegen und mit denen sich auch Ferdinand von Schirach in seinen Büchern beschäftigt oder wie es der Präsident des Bundesverfassungsgerichts Andreas Voßkuhle formulierte: Die Bücher des Juristen Ferdinand von Schirach zeigten "auf eingängige Weise, wie vermeintlich einfache Rechtsfragen mit großen anderen Fragen verbunden sind - Schuld, Sühne, Freiheit, Gerechtigkeit, Liebe, Hass."

Dabei teilen Sie, sehr geehrter Herr von Schirach, mit uns Ihren Blick hinter die Kulissen und ermöglichen damit die freie Sicht auf die ganze Tragweite menschlicher Schicksale und Verstrickungen. Das Geschehene erhält dadurch eine Tiefenschärfe, die uns auch die Zweifel verstehen lässt, die mancher gerichtlichen Entscheidung zugrunde liegen.


Jury und ihre Begründung

Der Darmstädter Jury für den Ricarda-Huch-Preis 2018 gehörten der Oberbürgermeister Jochen Partsch als Jury-Vorsitzender, Stadtverordnete Hildegard Förster-Heldmann (Vorsitzende des Kulturausschusses), Stadtverordnete Irmgard Klaff-Isselmann (stellvertretende Vorsitzende des Kulturausschusses), Sandra Kegel (Literaturkritikerin der FAZ), Dr. Burkhard Bonsels vom Lions Club Darmstadt Mathildenhöhe, Dr. Astrid Mannes MdB und Daniela Wagner MdB, an. Diese begründeten die Wahl wie folgt:

 

"Auf Anhieb gelang Ferdinand von Schirach mit seinem literarischen Debüt „Verbrechen“ im Jahre 2009 der Durchbruch als Schriftsteller. Seither werden seine Bücher von vielen Lesern geschätzt, doch sind diese Studien über Straftraten keineswegs Kriminalromane, sondern gestochen scharfe Milieu- und Charakterstudien. Was den Strafverteidiger Ferdinand von Schirach literarisch interessiert, sind die Ursprünge, Anlässe und Beweggründe von Verbrechen. Dabei urteilt er nicht moralisch, sondern verdichtet in einer klaren und souveränen Sprache jenen prekären Bereich, aus dem heraus das Verhängnis seinen Lauf nimmt. Mit seinem Aufsehen erregenden Theaterstück „Terror“, das einen Gerichtsprozess simuliert und am Ende die Theaterzuschauer über das Urteil abstimmen lässt, führt Ferdinand von Schirach zudem eindrucksvoll vor Augen, was Theater heute noch sein kann: ein Verhandlungsort für gesellschaftliche Auseinandersetzung wie einst das Forum im alten Rom."

 

Musikalisch wurde die Veranstaltung von der Gruppe "The Art of Jazztainment" umrahmt.

Die Kunst, mit Jazz gepflegt zu unterhalten, verstehen in Darmstadt wenige besser als die Gruppe "The Art of Jazztainment". Sie sind auch Mitglieder der Black & White Cooperation und als solche schon seit vielen Jahren dem Soul, Funk und Jazz zugewandt.
Alle Fotos: Jürgen Hartmann