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Wir fragen Darmstadt - Interview 3

Masterplan DA2030+ ////Darmstadt weiterdenken - Wir fragen Darmstadt - Interviews

PROF. DR. JÜRGEN FOLLMANN, Hochschule Darmstadt, Verkehrsplaner

Wie kann die Mobilität in Darmstadt nachhaltiger werden und welches Mobilitätsangebot ist stadtverträglich und für alle gut?
Die Verkehrssituation ist in Darmstadt für den Pkw-Verkehr nicht lösbar. Ein Umsteigen auf ÖPNV und Fahrrad (oder auch Zufußgehen) ist unabdingbar. Ziel muss es sein, Mobilität für alle zu sichern und dabei das für den Weg geeignete Verkehrsmittel anzubieten. Darmstadt hat einen sehr gut ausgebauten ÖPNV aus Süden, Westen und Norden bezogen auf das Zentrum. Es fehlt eine vergleichbare Schienenanbindung in den Ostkreis Darmstadt-Dieburg. Rund um das Stadtgebiet müsste ein Ring mit stadtnahen Mobilitätsstationen für P+R aufgebaut werden. Beispielstandorte wären am Ende der B26 (Aschaffenburger Straße) oder am Ende der A661 bei Egelsbach. Ergänzend könnte ein Ringverkehr um das Stadtzentrum für eine Entlastung des Stadtkerns und die Verteilung sorgen. Diese Mobilitätsstationen sollten auch Fahrradverleihsysteme beinhalten. Zugleich sind von diesen Punkten aus radschnellwegähnliche Infrastrukturen in/durch den Stadtkern aufzubauen. Beispielsweise könnte in Teilen ein Fahrstreifen des Cityrings oder der Rheinstraße zum abgegrenzten Radweg ausgebaut werden. Der Parkraum im Zuge der Straßen im Stadtkern ist konsequent zu bewirtschaften, um unnötigen Parksuchverkehr zu vermeiden.

Wie kann der Bewusstseinswandel in Richtung postfossile Verkehrswende in Politik, Verwaltung und Öffentlichkeit weiter vorangetrieben und gestaltet werden?

Ein zentrales Aufgabenfeld ist in Darmstadt, die Arbeitgeber stärker einzubinden. Das Instrument des Mobilitäts- und Fuhrparkmanagements wird teilweise praktiziert, ist aber noch deutlich ausbaubar. Für die Darmstädter sollte die Vereinswelt stärker in den Prozess eingebunden werden. Hier sind aus eigener Erfahrung die Menschen am ehesten mitzunehmen und für Veränderungen zu begeistern. Die Verwaltung wird vorangetrieben, wenn die politischen und leitenden Verantwortlichen den Bewusstseinswandel vorleben. Die Veränderung muss cool und trendy werden.

Wie kann man die Darmstädterinnen und Darmstädter hier am besten mitnehmen? Wie sollte die Wende vermittelt werden?
Aus der langjährigen Erfahrung kann dies eigentlich nur mit Pilotprojekten erreicht werden, die als Verkehrsversuch angelegt sind. Menschen reagieren häufig erst, wenn der „Bagger vor der eigenen Haustür steht“. Auf der anderen Seite werden die klassischen Beteiligungsverfahren eher zum Verhindern genutzt: Hauptsache, es trifft einen selber nicht. Die Folge sind jahrzehntelange Diskussionen. Ideen für Piloten sind beispielsweise der Einsatz von Mini-Kreisverkehren an weniger bedeutenden Knotenpunkten, um auch Verkehrsflächen zurückzugewinnen. Auch der Start in eine Radverkehrsachse über die Heinrichstraße oder eine (durchaus provisorisch abgestellte) konsequente Radverkehrsverbindung vom Hauptbahnhof in die Innenstadt über die Rheinstraße sind öffentlichkeitswirksam und erscheinen machbar. Denkbar sind ebenso weitere attraktive Schnellbusse (in Anlehnung an den Airliner) bis Langen oder Dieburg/Groß-Umstadt und eine Ringbusverbindung um den Stadtkern. Verkehrsbehördlich müssen wir Mut zeigen, neue Dinge auszuprobieren, wie das Rechtsabbiegen für Radfahrende bei „Rot“ an Lichtsignalanlagen. Nichts desto trotz müssen die „großen Vorhaben“ wie Lichtwiesenbahn oder Straßenbahn in den Ostkreis Darmstadt-Dieburg oder über Wixhausen bis Egelsbach/Langen mit großen Mobilitätsstationen zum Umsteigen vom Auto auf den Stadtverkehr weiterverfolgt werden.