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Wir fragen Darmstadt - Interview 1

Masterplan DA2030+ ////Darmstadt weiterdenken - Wir fragen Darmstadt - Interviews

WILLI BUCHER, Künstler

Was macht Darmstadt für Sie heute besonders?
Eine rhetorische Frage. Seit 1970 lebe und arbeite ich in Darmstadt und eigentlich wollte ich immer weg. Daraus ist nun ein halbes Jahrhundert des Wegwollens geworden. Das ist heute vorbei. Irgendwie bin ich Darmstadts „verborgenem Charme“ erlegen. Aber so richtig „heimisch“ werde ich wohl in Darmstadt nie. Ist man mal unterwegs und kommt nach Darmstadt zurück – egal aus welcher Himmelsrichtung – habe ich immer das gleiche Déjà-vu: Die architektonische Tristesse ist immer noch nicht verschwunden. Was die Einfallstraßen so säumt, erfreut nicht gerade das Auge. Weder schöne Alleen noch Promenaden empfangen einen. Bauliche Sünden prägen nach wie vor das ästhetische Bild der Stadt und im Zentrum der monolithische Block Luisencenter. Ein heimisches Wohlgefühl will da nicht so richtig aufkommen. Doch es gibt ja gute Freunde, einen Spaziergang auf dem Oberfeld, einen Besuch im Landesmuseum und die „Lilien“ haben wieder die Leidenschaft für Fußball in der Stadt geweckt.

Wir sind im Jahr 2030: Wie soll sich die Stadt bis dahin verändert haben?
Der Blick in die Glaskugel ist immer so eine Sache. Utopien sind verloren gegangen und an ihre Stelle z.T. Dystopien getreten wie Videoüberwachung, Terrorangst und Betonwüste zeigen. Hinzu kommen Problemfelder wie Gentrifizierung, Integration von Flüchtlingen, die Frage nach sauberer Luft und Verkehr. Ganz zu schweigen vom Einfluss der Globalisierung und der Digitalisierung. Und Darmstadt als Teil der Metropole Rhein-Main wird von diesen Veränderungen betroffen sein und wie die Stadt dann aussehen wird, lässt sich kaum vorhersagen. Jedenfalls sollte Darmstadt zu den „Transforming Cities“ gehören, die an der 4.0-Entwicklung und der Integration von Stadtzentren und Wohngebieten sowie industrieller Produktion teilnehmen. Wünschenswert dabei wäre allemal – auch für künftige Generationen und eine zukunftsfähige Stadt Darmstadt im Jahre 2030– wenn die Einfallstraßen der Stadt ein neues und vor allem ästhetischeres Bild bekämen und die Mitte der Stadt vom monolithischen Block befreit wäre. So einfach gesagt und so schwierig wahrscheinlich zu realisieren. Aber es täte der Stadt und ihrem Marketingruf als „Wissenschaftsstadt“ gut. Vielleicht könnte das ja auch zu einer größeren Stadtliebe und einem lebendigeren Stadtleben beitragen. So würden Menschen nicht nur allein aus berechtigten Arbeitsplatzgründen bleiben, sondern auch ihrem Wohlgefühl gerecht werden und zu einem positiven öffentlichen Raumempfinden für die Stadt führen.

Wie schaffen wir vielfältige Kultur und welche Kultur braucht Darmstadt?
Eine Frage so alt wie es Städte gibt. Aber sie stellt sich immer wieder neu. Bevor die Stadt Darmstadt die „Wissenschaft“ als Marketingzeichen für sich entdeckte, hatte sie ja die „Kunst“ im Logo: „In Darmstadt leben die Künste.“ Davon ist heute nicht mehr viel zu spüren. Doch gerade Darmstadt hätte aufgrund seiner eigenen kulturellen Historie, wie das Beispiel Mathildenhöhe zeigt, die Chance, da wieder anzuknüpfen. Und heute, in einer auf Digitalisierung und auf Algorithmus angelegten Stadtentwicklung, ist eine Verbindung zwischen Wissenschaft und Kunst eine notwendige Grundbedingung für eine kreative Entwicklung der Stadt im öffentlichen Raum. Virtuelle und reale Netzwerke bestimmen das künftige Bild einer Stadt und das sogenannte „placemarking“. Und hier hat die Stadt ein Defizit. Es gibt nur wenige Berührungspunkte zwischen Kunst, Wissenschaft und Industrie und „kulturelle Leuchttürme“ wie Staatstheater oder Mathildenhöhe stehen für sich ziemlich alleine. So sucht man vergebens neue, innovative Skulpturen. Gerade sie könnten zu einem poetischen Gesicht der Stadt beitragen.