Auf dem Freigelände und in den Galerieräumen der Ziegelhütte in der Kranichsteiner Str. 110 zeigen die Mitglieder der Darmstädter Sezession und die Bewerber um den Preis für junge Künstler des Jahres 2010 ein breites Spektrum dreidimensionaler, zeitgenössischer Arbeiten. Der Spannungsbogen reicht von traditionellen Bronzeskulpturen bis hin zur Installationskunst und zeigt die Vielfalt der künstlerischen Ausdrucksweisen und Perspektiven, wenn sich die Frage nach unserem Menschenbild heute stellt.
Die für uns heute selbstverständliche Koexistenz von gegenständlicher und nicht-gegenständlicher Kunst wurde in jener Sezessionsausstellung und in dem Darmstädter Gespräch von 1950 sehr kontrovers diskutiert. Um das zu verdeutlichen, werden auch einige Arbeiten von Künstlern, die in der Ausstellung von 1950 zu sehen waren, unter anderem von Wilhelm Loth, dem Hauptinitiator, gezeigt.
Im Rahmenprogramm sind Führungen zum Thema figurative Plastiken in Darmstadts öffentlichem Raum, Filmabende und ein Symposium mit Vorträgen und Diskussionsrunden zum Thema geplant.
Der mit 5.000 Euro dotierte Sezessionspreis für junge Künstler, gestiftet von der HSE-Stiftung, und der mit 2.500 Euro dotierte Förderpreis, gestiftet vom Lionsclub Darmstadt, werden am 10. Oktober um 15 Uhr verliehen.
Das Menschenbild in unserer Zeit - 36. Jahresausstellung der Darmstädter Sezession, Ziegelhütte, Kranichsteiner Straße 110.
Öffnungszeiten: Die-Sa 15-19 Uhr
Ausstellungsdauer: vom 15. August bis 10. Oktober
Ausstellungseröffnung ist am Sonntag, 15. August um 17 Uhr mit Oberbürgermeister Walter Hoffmann
Weitere Informationen unter:
www.darmstaedtersezession.net
Zum Titel der Ausstellung schreibt Horst Dieter Bürkle vom Vorstand der Darmstädter Sezession:
DAS MENSCHENBILD IN UNSERER ZEIT II
Wenn es sich die Darmstädter Sezession 2010 zur Aufgabe gemacht hat, genau sechzig Jahre nach dem legendären ersten Darmstädter Gespräch und der zugehörigen Sezessionsausstellung ein weiteres Mal danach zu fragen, wie «Das Menschenbild in unserer Zeit» aussieht oder aussehen könnte, sollten wir uns zumindest einen Moment lang vor Augen halten, vor welchen Hintergründen eine solche Suche damals artikuliert worden ist.
Als anno 1950 - ausgehend von einem Vorschlag des Bildhauers Wilhelm Loth - in Darmstadt die Frage nach dem Menschenbild der Gegenwart in einer Ausstellung erstmals behandelt wurde, war die Ausgangslage gegenüber heutigem Betrachtungsstandpunkt eine fundamental andere. Land wie Leute waren weithin geprägt von der Wandlung, die das Ende des II. Weltkriegs mit sich gebracht hatte. Die Stadt lag noch immer weithin in Trümmern; bei ansteigenden Arbeitslosenzahlen war das so genannte Wirtschaftswunder noch außer Sichtweite, doch konnte seit Beginn des Jahres immerhin damit begonnen werden, die Versorgung der Bevölkerung weitgehend ohne die bis dahin notwendigen Lebensmittelmarken abzuwickeln. Umso bemerkenswerter, dass einem besorgten Teil der seinerzeitigen Bevölkerung vermehrt danach war, sich auch wieder um die bis dahin stark eingeengten Kunst- und Kulturbedürfnisse jener Zeit zu kümmern.
Hinter den Entsetzlichkeiten der Nazidiktatur, hinter Völkerschlachten und Nachkriegsinferno war die Suche nach angemessenem Menschenbild genau genommen mehr als ein Gebot der Stunde. Dabei ging es nicht allein darum, eine Antwort darauf zu finden, ob der Mensch nach all den Geschehnissen - anthropozentrisch gedacht - überhaupt noch als «Maß aller Dinge» betrachtet werden darf und wie ihn die Kunst erfassen kann und soll, wenn sie denn, wie der konservative Kunsthistoriker Hans Sedlmayr während der damaligen Diskussionen anführte, «ein sehr empfindliches Diagnostikon für den Zustand des Menschen» ist.
Im Nachhinein betrachtet, ging es bei den schon sehr emotional geführten Gesprächen des Jahres 1950 allerdings vorrangig um jene Streitpfeile, die die jeweiligen Anhänger von gegenständlicher und abstrakter Kunst in ihren Köchern hatten, ausgefochten vor einem Publikum, das Gelingen von Kunst überwiegend am Grad der Imitation eines vorgefundenen oder idealisiert Natürlichen zu messen gewohnt war.
Heute, Anfang des dritten Jahrtausends, plagen uns Auseinandersetzungen wie die vom Sommer des Jahres 1950 wahrlich kaum mehr. Gleichwohl ist das Menschenbild einmal mehr im Wandel begriffen. Die Erkenntnisse, die das vergangene Jahrhundert der Menschheitsgeschichte hinzugefügt hat, haben sowohl philosophisches Denken als auch ethische Grundfesten und mit ihnen die künstlerische Auseinandersetzung damit radikal verändert. Ergo: «Das Menschenbild in unserer Zeit - römisch Zwei».
Und warum das Thema dann für ein so genanntes «Ziegelhüttenjahr», d. h. nur für die Bildhauer? Dafür gibt es zwei Gründe: Einen kalendarischen, weil seit «römisch Eins» exakt sechzig Jahre vergangen sind, und einen zweiten, gewichtigeren: Menschenbild war von der steinzeitlichen Venus von Wilmersdorf über die Kuroi von Melos, die Sarkophage aus Cerveteri und die Büsten der römischen Cäsaren bis in die Neuzeit wie kaum eine ande¬re Kunstform an plastische Ausdrucksformen gekoppelt. Und wenngleich sich das während der Moderne allmählich verschob, blieb das Postulat erhalten, suchte man in der Bildhauerei, in der sich Abstraktion und Figuration weit weniger antagonistisch gegenüberstanden als in der Malerei, weiterhin nach Entwürfen für ein neues Bild der Menschen und trieben es bis hin zu hyperrealistischen Abformungen der Wirklichkeit,
Wagen wir also - auch hier übrigens ein Jubiläum - zur 20. Ziegelhüttenausstellung einen neuen Blick auf das Menschenbild unserer Zeit und lassen wir uns überraschen.

