Neue Bücher / New Books 2010

Hier stellen wir Neuerscheinungen vor, die im laufenden Jahr im Jazzinstitut eingetroffen sind. Wir erhalten regelmäßig Buchveröffentlichungen von Autoren und Verlagen und werden in Zukunft alle bei uns eingehenden Veröffentlichungen hier kurz vorstellen. Wenn Sie Ihr Buch auf dieser Seite vorgestellt sehen möchten, senden Sie bitte ein Exemplar an die untenstehende Adresse.

This page lists new books received by the Jazzinstitut. We regularly receive new books and publications from authors and publishers which we will introduce on this page.If you want your book listed here, please send one copy to the address below.

Jazzinstitut Darmstadt, Bessunger Strasse 88d, D-64285 Darmstadt, Germany, e-mail: jazz@jazzinstitut.de

Übrigens: Die meisten der hier besprochenen Bücher sind erhältlich über:
Norbert Ruecker (orders@jazz-book.com)


Inhalt / Content:

 

Jazz & Beyond, no. 1
von Heike Nierenz (Texte) & Norbert Guthier (Fotos)
Frankfurt 2012 (Norbert Guthier)
180 Seiten, 1 beiheftende CD, 24,90 Euro
ISBN: 978-3-981485-21-9
www.guthier.com
(Vertrieb über Jazzwerkstatt)

2012nierenzAusgangspunkt des Buchs in CD-Box-Größe sind die Fotos Norbert Guthiers, in denen die sechs ausgewählten Musiker nicht nur in üblichen Konzertposen zu sehen sind, sondern auch privat, beim Unterrichten, im Café, beim Aufbauen, beim Soundcheck etc. Heike Nierenz stellt den Bildern stimmungsvolle Texte gegenüber, in denen die Biographie der Künstler genauso erzählt wird wie ihre musikalische Philosophie. Und da erzählte Musik selbst dann einen merkwürdigen Beigeschmack hat, wenn man genügend Bilder zu sehen bekommt, ist dem Buch eine CD mit Aufnahmen der Vorgestellten beigelegt, bereits veröffentlichte Titel aus den letzten Jahren (leider sagt die enthaltene Diskographie nichts über die Aufnahmedaten aus), die das Lese- und Schauerlebnis vervollständigen.

Eine gelungene Auswahl aktueller Künstler, bebildert mit meist recht dunklen Schwarzweißfotos und einem flüssig zu lesenden Text auf Deutsch und Englisch.

Wolfram Knauer (April 2012)

Jazzgeschichten aus Europa
von Ekkehard Jost
Hofheim 2012 (Wolke Verlag)
334 Seiten, 24,80 Euro
ISBN: 978-3-936000-96-2

2012jostDer Buchmarkt zum jazz ist mittlerweile fast unüberschaubar. Und doch fehlt immer noch eine schlüssige europäische Jazzgeschichte, ein Buch, in dem die verschiedenen Entwicklungen zwischen Adaption, Emanzipation und ästhetischer Eigenständigkeit des Jazz in Europa erzählt wird mit allen hellen und dunklen Facetten zwischen Exotik und Verbot, zwischen Nachahmung und freiem Experiment. Mit Ekkehard Jost hat nun Deutschlands wichtigster Jazzforscher sich daran gemacht diese Lücke zu schließen. Jost hatte 1987 mit "Europas Jazz" bereits ein Standardwerk zur Geschichte der Emanzipation des europäischen jazz zwischen 1960 und 1980 herausgebracht; sein neues Buch wirft den Blick jetzt noch weiter, betrachtet die Entwicklung von den frühen Jahren des 20. bis hinein in jüngste Entwicklungen des 21sten Jahrhunderts. Das Buch entstand aus einer erfolgreichen Sendereihe, die Jost für den WDR produziert hatte und in deren einzelnen Folgen er Schlaglichter auf wichtige Entwicklungen im europäischen Jazz warf. Aus diesem Ansatz heraus ist dann wohl auch der Titel des daraus entstandenen Buchs zu verstehen: ausdrücklich nicht eine "Jazzgeschichte Europas", sondern "Jazzgeschichten aus Europa".

Schon die Kapitelüberschriften hören sich nach Geschichten an, die man gerne hört. "Wie der Jazz nach Europa kam" erzählt Jost gleich im ersten Kapitel, berichtet dabei von Widerständen der Bürokratie gegen wilde Tänze, von James Reese Europes Hellfighters sowie von Sam Woodings Band. "Le Jazz en France" stellt die Faszination der Franzosen am Jazz in den 1920er Jahren vor und beleuchtet an einzelnen Beispielen beide Seiten der Faszination: die der (insbesondere schwarzen) Amerikaner, die sich zum Teil für länger in Frankreich niederließen, sowie die der französischen Musiker und Intellektuellen jener Jahre. Als typische Beispiele der französischen Seite jener Zeit greift er sich den Geiger Michel Warlop und den Gitarristen Django Reinhardt heraus.

Für die Frühzeit des Jazz in England geht Jost auf den Besuch der Original Dixieland Jazz Band ein und auf das Southern Syncopated Orchestra, erwähnt kurz die Besuche Armstrongs und Ellingtons und die Macht der britischen Musikergewerkschaft, die von den Mitt-1930er bis in die 1960er Jahre hinein erfolgreich verhinderte, dass amerikanische Musiker auf der Insel auftraten. Die Weimarer Republik führt Jost anhand von Eric Borchards Kapelle vor, zitiert Mike Danzi, wirft einen Blick auf die Berliner Unterhaltungsszene und lässt anhand der Reaktionen auf Ernst Kreneks Oper "Jonny spielt auf" den braunen Sumpf erahnen, der sich bald über Deutschland ausbreiten wird.

"Am Mittelmeer" heißt lakonisch das Kapitel, das einen kurzen Blick nach Spanien, vor allem aber nach Italien wirft. Die Sowjetunion verdient und erhält ein längeres Kapitel, in dem Jost Reaktion und Gegenreaktion von Jazzszene und System bis nach dem II. Weltkrieg abhandelt. In "Jazz unterm Hakenkreuz" skizziert er die unterschiedlichen Restriktionen, die in Deutschland Jazzmusik verfemten, ohne dass dafür eigens ein Jazzverbot ausgesprochen werden musste. Er entdeckt genügend interessante Musik und stellt kurz Freddie Brocksieper und Kurt Widmann vor, sowie mit Charlie and his Orchestra die vielleicht skurrilste Jazzformation jener dunklen Jahre.

"Im hohen Norden", stellt Jost fest, habe der Jazz weit später Einzug gehalten als im südlicheren Europa, was vielleicht an der Abgelegenheit von den unterhaltungsmusikalischen Metropolen des Kontinents lag. "Frankreich in den Zeiten des Zweiten Weltkriegs" bringt uns zugleich in die direkte Nachkriegszeit und zeigt sehr deutlich, wie Jazz für ein anderes Gesellschaftsmodell steht, als Synonym für Freiheit wahrgenommen wird. Das Kapitel "Die Trümmerjahre" zeigt, wie Jazzmusiker und Jazzfans in der Nachkriegszeit aufholen, als sie endlich offen Swing hören können und sich den Bebop erobern müssen. Jost spricht über die Rundfunk-Bigbands, die sich in diesen Jahren gründen, über die US-Clubs, in denen junge deutsche Musiker ihr Handwerk verfeinern, über Johannes Rediske, Michael Naura, Helmut Brandt und Hans Koller, über Jutta Hipp, Wolfgang Sauer, Inge Brandenburg, aber auch über das Deutsche Jazz Festival in Frankfurt und die Resonanz darauf, über Zeitschriften wie das Jazz Podium und die Gondel sowie über den Jazz als einer (wenigstens kurzzeitigen) Jugendmusik.

Wie zwischengeschaltet wirkt das Kapitel "Americans in Europe", und Jost hat ihm augenzwinkernd den Beisatz "Gäste oder Immigranten" beigegeben und berichtet mithilfe namhafter Zeitzeugen über die Beweggründe amerikanischer Jazzer, sich etwa in Paris oder anderswo in Europa niederzulassen. Die Amerikaner beeinflussten ganz sicher die "Modern Sounds", denen Jost "quer durch Europa" folgt und dabei Schlaglichter auf Entwicklungen in Skandinavien, Großbritannien, Frankreich, Italien, der Sowjetunion, Polen und der DDR wirft. Kurz konstatiert Jost mit Gewährsmann Albert Mangelsdorff eine Krise des Jazz in den 1960er Jahre, stellt aber zugleich fest, dass Mangelsdorff und Musiker wie etwa Klaus Doldinger, Wolfgang Dauner und andere schnell einen Weg aus dieser Krise heraus fanden. Den Weg zur Eigenständigkeit hatte Jost bereits in seinem Buch von 1987 ausführlich beschrieben. Doch ist dieser Weg so wichtig, dass die "Wege des Free Jazz durch Europa" auch in diesem Buch das längste Kapitel ausmachen, nach "Modern Sounds" ein weiteres Kapitel, in dem Jost sich Land nach Land unter die Lupe nimmt. Den Osten spart er aus, denn der verdient gerade für diese Entwicklungsphase des europäischen Jazz einem eigenen Abschnitt.

Zum Schluss müssen wenige Beispiele aus der Menge der Entwicklungen die Klänge beispielhaft vertreten, die den Jazz nach 1970 und bis ins 21ste Jahrhundert prägen. Jost konstatiert zu Recht das "Ende linearer Vorwärtsbewegungen", stellt "stilistischen Pluralismus und Regression" fest, sieht aber im Neobop keine europäische Kreation, sondern einen amerikanischen Import. Jost hält seine eigenen Vorbehalten nicht hinterm Berg, etwa wenn er Acid oder Techno Jazz knapp unter der Überschrift "Unheilige Allianzen" abhandelt. Hier ist nun auch Platz, kurz über die ökonomische Seite des Jazz also zu sprechen, also Plattenmarkt, Festivals und Clubs. Lesenswert schließlich noch sein Ausblick, den er mit einer knappen Analyse der unter "Jazz" firmierenden Musikrichtungen verbindet, um zu schlussfolgern, dass die "dynamische Strömung des Jazz schon jetzt und in Zukunft in zunehmendem Maße von Europa ausgehen wird".

Anders als in "Europas Jazz" gibt es in "Jazzgeschichten aus Europa" kaum analytische Passagen. Jost erzählt Geschichten, und die Vielfalt der Entwicklungen erklärt den Ansatz des manchmal Anekdotischen, manchmal Sprunghaften genauso wie es wohl der Ursprung des Buchs in einem Sendemanuskript tun mag. Die Lektüre ist bei alledem leicht und vergnüglich. Jost wählt die Geschichten sehr bewusst aus, hinter die er seine Leser etwas tiefer führt, und es gelingt ihm dabei fast schon zwischen den Zeilen Gemeinsamkeiten wie Unterschiede deutlich zu machen und Lust zum Hinhören zu wecken. Wenigstens für die ersten Jahre bietet das Buch hierfür 28 Hörbeispiele an, die auf einer CD beiheften und die Jahre zwischen 1919 uns 1948 dokumentieren, zwischen James Reese Europes Hellfighters Band und Kurt Henkels "Rolly's Bebop".

Wolfram Knauer (April 2012)

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Jazz Composition and Arranging in the Digital Age
von Richard Sussman & Michael Abene
New York 2012 (Oxford University Press)
505 Seiten, 39,95 US-Dollar
ISBN: 978-0-19-538100-9

2012sussmanDuke Ellington schrieb seine Musik im Zug, im Hotelzimmer, im Reisebus, in Restaurants. So sehr hat sich das gar nicht geändert, denn die Orte, an denen Jazzmusiker heute ihre Musik komponieren oder arrangieren, mögen immer noch Orte des temporären Lebens oder des Reisens sein. Nur das Medium hat sich geändert: Wo Ellington sein Notenpapier dabei hatte, bei Bedarf aber auch schon mal Notizen auf Servierten machte, da arbeitet der Komponist oder Arrangeur unserer Tage in der Regel mit seinem Laptop. Dieser ist aber natürlich nur ein Arbeitsmittel – die Kreativität und das musikalische Knowhow müssen nach wie vor vom Musiker selbst kommen.

Richard Sussman und Michael Abene legen mit diesem umfangreichen Buch nun Materialien vor, mit denen Musiker, die mit dem Computer als Hilfsmittel groß geworden sind, sich dem Thema Komposition und Arrangement nähern können. Es ist also eine Art zeitgemäßes Arrangierlehrbuch, in dem Grundlagen (etwa die verschiedenen Tonlagen der Instrumente) genauso behandelt werden wie computerspezifische Notationsfragen. Die Autoren haben das Buch in drei Teilen aufgebaut. In den ersten fünf Kapiteln resümieren sie die Basics des Handwerks. Im zweiten Tel widmen sie sich den Besonderheiten des Arrangements für kleine Ensembles. Im dritten Teil dann nehmen sie sich der Komposition für Bigband und große Ensembles an. In allen Kapiteln finden sich neben arrangierspezifischen Tipps Erläuterungen von Notationssoftware und anderen Computerprogrammen, die dem Arrangeur heutzutage das Leben erleichtern. Eine begleitende Website schließlich bietet Musikbeispiele,  weitere Notenbeispiele, Softwarefiles und weiterführende Hinweise.

Bei aller Technik sollte man sich vom digitalen Aspekt des Herangehens der beiden Autoren aber nicht abschrecken lassen: In der Hauptsache geht es bei ihnen eben doch um das Handwerk des Töne-Zusammenfügens, des Klänge-Schmiedens, des Sound-Kreierens. Und so sind die Hinweise auf Software meistens Asides, zusätzliche Tipps zum zeitsparenden Arbeiten.

Das Buch ist ein wichtiges Unterrichtswerk für angehende Arrangeure, eine up-to-date-Fassung dessen, was Don Sebesky 1974 mit seinem Buch "The Contemporary Arranger" vorlegte oder Sammy Nestico 1993 mit "The Complete Arranger". Und es ermutigt die kreativen Leser hoffentlich, wie Abene in seinem Vorwort auffordert, alle Möglichkeiten des Zusammenklingens zu erkunden.

Wolfram Knauer (April 2012)

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Taj Mahal Foxtrot. The Storyy of Bombay's Jazz Age
von Naresh Fernandes
New Delhi 2012 (Roli Books)
192 Seiten, 1.295 Rupien
ISBN: 978-81-7436-759-4

2012fernandesSelbst beim Jazz denken wir oft viel zu eurozentrisch: Wenn wir sagen, der Jazz eroberte kurz nach seiner Geburt die Welt, meinen wir zumeist Europa. Dabei wurde Jazz tatsächlich innerhalb weniger Jahre zu einer Art erster Weltmusik, die modische Tänze selbst an entlegenen Orten begleitete. Das vorliegende Buch dokumentiert ein in Jazzgeschichtsbüchern eher selten gestreiftes Kapitel, die lebendige Jazzszene in Bombay, die in den 1930er Jahren amerikanische Musiker wie Teddy Weatherford und Leon Abbey anzog.

Der Journalist Naresh Fernandes wollte eigentlich nur ein wenig Tratsch über die Welt der goanischen Musiker im Bombay der 1960er Jahre sammeln und interviewte zu diesem Zweck den Vater einer guten Freundin, von dem er wusste, dass er damals in Jazzbands und den Filmstudios gespielt hatte. Der Trompeter Frank Fernand war alt und schwach und kriegte immer nur stoßweise Sätze heraus, Fernandes aber wurde schnell klar, dass er mit einem Zeitzeugen sprach, der seit den Mitt-1930er Jahren auf der Jazzszene unterwegs war. Er machte sich an die Arbeit, Dokumente zu sammeln über die Frühgeschichte des Jazz in Bombay, über afro-amerikanische Musiker, die Bombay zu ihrer zweiten Heimat machten und über die Hindi-Filmstudios, die in den 1950er Jahren auch Jazz als Begleitmusik benutzten.

Fernandes beginnt sein Buch im Taj Mahal Hotel in Downtown-Bombay im Jahr 1935, in dem die Band des amerikanischen Geigers Leon Abbey zum Tanz aufspielt. Swing war die Mode in Paris und London und strahlte von dort in die Kolonien, und Abbeys Band war für die Besucher im Taj Mahal mehr eine Repräsentation europäischen mondänen Lebens als eine bewusste Rezeption amerikanischer Musik. Der Swing dieser Jahre wurde aber bald so populär, dass auf der Rückseite einer Broschüre des Bombay Swing Club aus dem Jahr 1948, also gerade mal ein Jahr nach der Unabhängigkeitserklärung des Landes, nicht weniger als 70 Bands verzeichnet sind, die in Bombay für Unterhaltung sorgten.

Leon Abbey und Weatherford erhalten eigene Kapitel im Buch. Zwischendurch schaut Fernandes noch weiter zurück und entdeckt, dass bereits im 19. Jahrhundert reisende Minstrelgruppen in Indien Station gemacht hatten. Er wirft außerdem einen Blick aufs klassische Musikleben der Stadt in den 1920er und 1930er Jahren. Wie in Europa mussten auch die indischen Musiker die Eigenarten des Jazz erst lernen, die dabei durchaus Parallelen zur heimischen Musiktradition besaß: Nichts war notiert, und um die Musik spielen zu können, musste man sie fühlen.

Fernandes verfolgt den Siegeszug dieser Musik, der 1946 zur Gründung der Jazz Society und 1948 des Bombay Jazz Club führte, die sich beide ernsthaft mit der Musik auseinandersetzten, Plattenabende und Jam Sessions organisierten. Jazz war schon lange im Unterhaltungsmainstream des Landes angekommen, was nur noch von der Tatsache unterstrichen wurde, dass Komponisten und Musiker für Hindi-Filme in den 1950er Jahren ausgiebig Gebrauch von Jazzrhythmen und -sounds Gebrauch machten. 1952 erschien die erste, wenn auch kurzlebige indische Jazzzeitschrift, Blue Rhythm.

Ein eigenes Kapitel ist dem Pianisten Dizzy Sal gewidmet, der 1959 in die USA ging, um am Berklee College zu studieren, ein weiteres Kapitel den Besuchen amerikanischer Stars wie Dave Brubeck, Duke Ellington, Louis Armstrong oder Jack Teagarden, die von den Fans mit Begeisterung aufgenommen wurden, auch wenn sie den kulturpolitischen Agenten der US-Regierung skeptisch gegenüberstanden, die in jenen Jahren als pro-pakistanisch angesehen wurde.

Mit etwas Verspätung löst die Rockmusik in den späten 1960er Jahren den Jazz schließlich als populäre Musik ab. Hier ist denn auch für Fernandes die Geschichte des Jazz Age in Bombay zu Ende.

"Taj Mahal Foxtrot" beleuchtet ein bemerkenswertes Kapitel globaler Jazzgeschichte. Fernandes gelingt es etliche Dokumente ausfindig zu machen, die sowohl die Faszination indischer Musiker mit dem Jazz als auch den Reiz des Exotischen für viele Jazzmusiker greifbar machen. Fernandes erzählt von Spielorten und Musikerbiographien, lässt dabei die Musik selbst allerdings etwas außen vor. Man liest kaum über konkrete Stücke, über den Lernprozess indischer Musiker, über die soziale Rolle, die das Spielen in einer Swingband (und damit zumeist in einem der großen Hotels Bombays) bedeutete. Auch die Einflüsse, die indische Musik im Westen hinterließ, streift Fernandes nur am Rande. Das alles wird wettgemacht durch die einzigartigen Dokumente und Fotos, die er sammelt und abdruckt, durch eine beiheftende CD, auf der sich einzelne Titel finden, und schließlich durch eine Website (www.tajmahalfoxtrot.com), in der den Kapiteln Musik- und Videobeispiele zugeordnet werden.

"Taj Mahal Foxtrot" ist ein empfehlenswertes Buch, die Geschichte einer regionalen Jazzszene, die auch den Leser in den Bann zu ziehen vermag, der noch nie in Bombay (Mumbai) war.

Wolfram Knauer (April 2012)

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Harlem Jazz Adventures. A European Jazz Baron's Memoir, 1936-1969
von Timme Rosenkrantz (herausgegeben von Fradley Hamilton Garner)
Lanham/MD 2012 (Scarecrow Press)
297 Seiten, 75,00 US-Dollar
ISBN: 978-0-8108-8209-6

2012rosenkrantzIm Februar 1934 landete Baron Timme Rosenkrantz, keine 23 Jahre alt, mit dem Schiff aus seinem Geburtsland Dänemark in New York an. Der Baron, dessen Vorfahre bereits in Shakespears Hamlet erwähnt wurde, zog in ein Hotel auf der 70sten Straße und war voll der Vorfreude auf den Jazz, wegen dessen er in die USA gekommen war. Er ging in den Commodore Music Shop auf der 42sten Straße, um sich vom Besitzer Milt Gabler Tipps geben zu lassen, doch der teilte ihm als erstes mit, dass die meisten der großen Jazzmusiker, von denen Rosenkrantz schwärmte, mittlerweile in den Studios arbeiteten, Wiener Walzer und Schlager spielten. Nur einen Club gäbe es noch, das Onyx auf der 52sten Straße. Rosenkrantz aber ließ sich nicht entmutigen und entdeckte dabei den Jazz, den es natürlich nach wie vor gab in New York. Er hörte Don Redman im Apollo, traf den jungen John Hammond, erlebte Chick Webb im Savoy und war fasziniert vom Sänger Leo Watson.

Timmes Vater Palle Rosenkrantz war Dänemarks erster Krimiautor und hatte ihm einige Referenzschreiben mit auf den Weg gegeben. Die langweiligen Bekannten seines Vaters, zu denen ihm diese Schreiben die Türen öffneten, interessierten ihn aber weit weniger als die Musik Benny Carters oder Teddy Wilsons. Er begleitete Billie Holiday auf eine private Party, berichtet, wie der Saxophonist und Bandleader Charlie Barnet bei Musikern wie Eddie Condon oder Red McKenzie nicht zu beliebt gewesen sei. Um Benny Goodman im Casino de Paree zu hören, verpflichtete er sich sogar als Eintänzer. Er freundete sich mit Willie 'The Lion' Smith an, traf Art Tatum, besuchte Fats Waller in seinem Apartment und rauchte seinen ersten Joint, den ihm kein geringerer als Mezz Mezzrow besorgte.

Für eine Weile kehrte er nach Kopenhagen zurück, war aber bereits 1937 wieder zurück in New York. Wir lesen von Slim Gaillard und Slam Steward sowie der Sängerin Inez Cavanaugh (die seine Lebensgefährtin werden sollte), von W.C. Handy, Louis Armstrong und Bill Coleman. 1940 eröffneten Rosenkrantz und Cavanaugh in Harlem einen Plattenladen, den sie vier Jahre später wieder schließen mussten, weil die Geschäfte in Kriegszeiten einfach nicht gut genug gingen.

Rosenkrantz berichtet über das legendäre Nick's in Greenwich Village und über seine Freundschaft zu Duke Ellington oder Stuff Smith und erhalten einen Einblick in die musikalische Welt, in der auch der Bebop geboren wurde. Rosenkrantz war dabei immer mehr als nur ein beobachtender Begleiter der Musiker; er produzierte Konzerte und teilweise auch Plattensessions, darunter legendäre Aufnahmesitzungen mit Erroll Garner. Eine Liste der von ihm produzierten Sessions ist im Anhang des Buches enthalten. Auch wenn der Untertitel Memoiren bis 1969 verspricht, hören Rosenkrantzs eigene Erinnerungen weitgehend in den Mitt-1940er Jahren auf. Das ursprünglich  auf Dänisch verfasste Buch wird ergänzt um eine Würdigung des Saxophonisten Coleman Hawkins aus Anlass dessen Todes im Jahr 1969 sowie um ein von seine Nichte verfasstes Nachwort, in dem auch sein Club "Timme's" gewürdigt wird, den er in den 1960er Jahren in Kopenhagen gründete.

Seine Erinnerungen verfasste Rosenkrantz 1964 auf Dänisch, und es ist an der Zeit, dass dieser Zeitzeugenbericht auch einer breiteren Leserschaft zugänglich gemacht wird. Fradley Garner, ein seit 1960 in Kopenhagen lebender Amerikaner, hat sich der verdienstvollen Aufgabe angenommen, eine leicht annotierte und um erklärende Interviewausschnitte mit anderen Zeitzeugen bereicherte englische Übersetzung des Buchs herauszugeben, das einen überaus lebendigen Einblick in die swingende Musik der 1930er bis 1950er Jahre gibt, geschrieben von einem Outsider, der vielleicht gerade deshalb einen objektiveren, einen distanzierteren, einen kritischeren und manchmal verwunderteren Blick auf die Jazzgeschichte besaß als das Einheimischen gelungen wäre.

Timme Rosenkrantzs "Harlem Jazz Adventures" erlauben einen einzigartigen Einblick in die musikalische Welt New Yorks in den 1930er bis 1940er Jahren, jene Zeit des Umbruchs zwischen Swing und Bebop, als die Musiker mit ästhetischem Selbstbewusstsein und Tatendrang den Jazz fortentwickelten. Zwischen den vielen Anekdoten aber, die das Buch so ungemein kurzweilig machen, entdeckt man immer wieder die Ernsthaftigkeit, mit der die Musiker ihre Kunst vorantrieben.

Mehr zum Buch auf der Website: http://www.jazzbaron.com/

Wolfram Knauer (März 2012)

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Black Box Pop. Analysen populärer Musik
herausgegeben von Dietrich Helms & Thomas Phleps
Bielefeld 2012 (transcript)
282 Seiten, 24,95 Euro
ISBN: 978-3-8376-1878-5

2012helmsBand 38 der ASPM Beiträge zur Popularmusikforschung enthält allgemeine und spezifische Texte zum Thema "Analyse" von Popmusik. Es geht um analytische Methoden (Frabk Riedemann, Allan Moore, Simon Zagorski-Thomas), um die Frage, was in diesem Bereich Analyse überhaupt leisten kann (Simon Obert, André Doehring), und es geht um ein paar konkrete Beispiele, etwa die ausführliche historische Genese der Songformen populärer Musik (Ralf von Appen und Markus Frei-Hauenschild), Johnny Cashs "Hurt", das Steffen just in verschiedenen Versionen vergleicht, oder um das Timing im Spiel von Jazzgitarristen, das Márton Szegedi bei John Scofield, Pat Metheny, Bill frisell, Mike Stern untersucht. Christa Bruckner-Haring fragt danac, was vom Danzón in Gonzalo Rubalcabas Spiel fortlebt, und Helmut Rösing rekapituliert Methoden musikalischer Analyse, um Copyright-Fragen etwa bei Plagiatsvorwürfen zu klären.

Das Buch versammelt einen bunten Fundus interessanter Ansätze und dokumentiert zugleich die 21. Arbeitstagung des Arbeitskreises Studium Populärer Musik (ASPM) im November 2010 in Mannheim.

(Wolfram Knauer, Januar 2012)

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