Wegweiser Jazz (Schweiz)
Jazz in St. Gallen
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Jazzbistro Gambrinus Concert • Wassergasse 5, CH-9000 St.Gallen, Switzerland, Tel./Fax ++41 (79) 377-2541, Internet: http://www.gambrinus.ch [4/2007]
Presseberichte über Jazz in St. Gallen:
St. Galler Tagblatt, 20. März 2003:
«Jede Menge Beunruhigung»
Dieses Wochenende finden in St. Gallen «Tage der improvisierten Musik» statt. Ein Interview mit der Co-Organisatorin und St. Galler Pianistin Ute Gareis über das Festivalprogramm und über freie Improvisation, Komposition und Beliebigkeit.
Frau Gareis, was ist der Anlass, gerade jetzt im März 2003 Tage der improvisierten Musik in St. Gallen zu veranstalten? Was ist Ihr Anliegen?
Ute Gareis: Der Zeitpunkt ist eigentlich willkürlich. «Contrapunkt» hat bisher Konzertreihen gemacht, die inhaltlich nicht unbedingt Kohärenz besassen. Wir, die Mitglieder der Programmgruppe, wollten mit einem Festival das Thema Improvisation einmal in seinen verschiedenen Facetten beleuchten und dem Publikum so mit einer breiteren Palette einen neuen Zugang zu dieser Musik eröffnen. Im Rahmen von «Contrapunkt» wollen wir in Zukunft übrigens möglichst jedes Jahr ein solches Festival organisieren, jedesmal unter einem Motto. 2004 wird es um Komponistenporträts gehen; doch dazu möchte ich noch nichts verraten.
Welche Art von Improvisation fokussieren Sie genau?
Gareis: Es geht auf jeden Fall nicht um eine standardisierte Sprache, die improvisatorisch weiterentwickelt oder dargelegt wird. Also beispielsweise nicht um traditionelle Jazz-Improvisation. Es wird um Improvisation gehen, die vom Performance-Charakter bis hin zum absoluten Chaos reicht, um ungebundene Improvisation.
Die eingeladenen Musikerinnen und Musiker kommen teilweise aus der Klassik oder dem Jazz, aber sie haben ihre eigenen Sprachen und Szenerien gefunden. Die Konzerte werden auch für uns eine Überraschung sein; auch wir wissen nicht genau, was alles auf uns zukommen wird. Die Musiker werden in Bereiche vorstossen, die verstören oder ratlos machen können. Es wird hoffentlich jede Menge Beunruhigung geben in den drei Tagen.
In Ihrem Programm figurieren Duos, ein Trio, aber auch eine Künstlerin, die alleine auftritt. Wollen Sie damit die Palette von möglichen Musikerformationen vorführen?
Gareis: Improvisation hat mit Gruppe, mit Kommunikation zu tun. Man muss auf den anderen hören, eingehen und selbst eigene Ideen einbringen, welche die anderen dann wieder aufnehmen. Auch Charlotte Hug kommt nicht alleine; sie kommt mit ihren Visualisierungen, ihrer Szenerie, sie kommuniziert in ihrer Musik mit anderen Kunstformen.
«Improvisation ist kreativ, frei, unkonventionell und subversiv» - oder gibt es da Einschränkungen? Hält sich ein frei improvisierender Musiker nicht auch an bestimmten Parametern fest?
Gareis: Improvisation ist natürlich durch den Ambitus der Instrumente und deren Klangfarben beschränkt und durch die Persönlichkeit, die Vorlieben und Stärken der Musiker geprägt. Im Grunde kann jeder aber so lange improvisieren, bis er sein Instrument auseinander gelegt hat, und mit Hörerwartungen experimentieren. Freie Improvisation ist ein Mäandrieren zwischen Freiheit und Niemandsland. Das Öffnen der Ohren ist der erste Schritt. Mit einem Ton werden Parameter aufgestellt, die aber im nächsten Moment wieder verworfen werden können, um neue Grenzen und Muster zu suchen. Ähnlich wie in der Wortsprache kann man in der Musik immer nur das als Muster erkennen, was schon definiert ist und einen gewissen Sinn macht.
Gibt es einen grossen Unterschied zwischen improvisierter und komponierter Musik?
Gareis: Es gibt einen Überschneidungspunkt. Der improvisatorische Charakter wohnt ja jedem künstlerischen Schaffen inne: Der erste Geistesblitz, die Initialzündung ist immer Improvisation, bei jedem Musikstück - sei es zuletzt auch noch so sehr architektonisch durchdacht. Zuerst gibt es die Idee; an der hält sich der Komponist fest und entwickelt sie dann sukzessive.
Grundsätzlich kann bei jeder nicht notierten Musik ein grosser Teil improvisiert sein. Musikgeschichtlich ist die Improvisation gut bei den Anfängen der Mehrstimmigkeit in der Kirchentradition zu beobachten: zum Tenor improvisierten die anderen Stimmen. Später wurde das zunehmend notiert.
Gibt es in der Musik noch Neues, Ungehörtes? Wo ist die Grenze zwischen absolutem Ausdrucksmoment und Beliebigkeit?
Gareis: Philosophisch betrachtet, war natürlich alles schon einmal da. Es gibt keine Versatzteile, keine kleinsten Elementchen, die nicht schon einmal irgendwo benutzt worden wären. Im Grunde geht es nur um neue Zusammenstellungen. Die Teile bleiben immer dieselben. Es wird nach wie vor mit Tönen operiert, doch heute können die Tonschritte durch die Elektronik so klein werden, dass man sie gerade noch wahrnehmen kann. Aber es bleiben Töne, Schwingungen, mit denen gearbeitet wird.
Die Beliebigkeit wird von den Musikern als Teil des Risikos betrachtet. Um Neues zu finden, muss man die Richtungslosigkeit durchschreiten, um wieder einen Strang zu finden und in ein neues Feld einzutreten. Man muss in Kauf nehmen, nicht die ganze Zeit wissen zu wollen oder wissen zu können, worum es geht. Insofern ist Improvisation ein Abbild des Lebens.
Wie stehen Sie zu Aufnahmen improvisierter Musik?
Gareis: Aufnahmen und Musik sind für mich grundsätzlich Widersprüche. Von Celibidache erscheinen jetzt, nach seinem Tod, viele CDs; aber gerade er hat diese Konservierung dieses musikalischen Moments als Contradictio betrachtet. Improvisierte Musik zeichnet sich dadurch aus, dass sie im Moment entsteht und nie wieder zu wiederholen ist. Konserven sind ein gutes Mittel, um etwas kennen zu lernen. Und die Musiker brauchen heute diese Konserven; die fungieren wie Visitenkarten. Aber es macht für mich keinen Sinn, mir das x-mal hintereinander anzuhören. Musik muss immer wieder neu entstehen. Deshalb sollen die Leute zu uns ins Konzert kommen: Um diese Musik zu erleben.
Ist es in der Schweiz für einen Musiker überhaupt möglich, von Improvisation zu leben? Wie sehen die Ausbildungsmöglichkeiten in der Schweiz aus?
Gareis: Wenn man davon leben will, bleibt man nicht in der Schweiz. Die Musiker, die bei uns auftreten, reisen viel herum. Das ist aber auch z.B. in Deutschland ein Problem. Improvisierte Musik wird an vielen Musikhochschulen nicht praktiziert. Langsam kommt das aber. In Zürich, Basel und Winterthur gibt es heute Improvisationsklassen. (Bettina Spoerri)
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