Jazzbrief aus Darmstadt
Jazzletter from Darmstadt

November 2006


"Der Jazzbrief" hieß eine Publikation, die Aktivitäten des Jazzinstituts Darmstadt beleuchtete, kleinere Beiträge publizierte, die sich aus der täglichen Arbeit des Jazzinstituts ergaben. Wir haben uns entschlossen, den Jazzbrief fürs erste elektronisch fortzuführen. Hier wollen wir Gedanken und Diskussionen öffentlich machen, die wir im Jazzinstitut führen, laden alle Leser dazu ein, sich an diesen Diskussionen zu beteiligen und uns ihre eigene Meinung mitzuteilen. Wir berichten über Sammlungszuwächse und sonstige Aktivitäten. Es handelt sich bei den Beiträgen auf dieser Seite nirgends um feststehende "Wahrheiten" über den Jazz, sondern um eine Sammlung von Notizen, Gedanken und Diskussionsbeiträgen.

"The Jazzletter" was a publication in which the Jazzinstitut Darmstadt reported about some of its activities and published short essays, results from the daily work at the Jazzinstitut. We decided to continue the Jazzletter electronically, publishing some of our thoughts and internal discussions and inviting everyone to participate and tell us what they think. We also report about additions to the jazz collection of the Jazzinstitut and other acitivities. This is a collection of notes, thoughts and discussions more than a statement of "truths" about jazz.


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Anfrage:

Ich habe gehört, dass an der Musikhochschule Frankfurt schon in den Zwanzigerjahren eine Abteilung für Jazz existiert haben soll, die dann von den Nationalsozialisten wieder geschlossen wurde. Wissen Sie darüber Bescheid, bzw haben Sie nähere Informationen dazu?

Unsere Antwort:

Lieber [...],

in der Tat, die erste und für lange Zeit einzige Jazzklasse an einer deutschen Musikhochschule wurde 1927 an Dr. Hochs Konservatorium in Frankfurt eingerichtet. Gegen viele Widerstände hatte Direktor Bernhard Sekles diese Klasse durchgesetzt. Die Leitung der Jazzklasse wurde dem Cellisten Matyas Seiber übertragen. Neben Theorieunterrricht gehörten zwei Wochenstunden Ensemblespiel sowie Instrumentalunterricht zum Lehrplan. 1928/29 hatte die Jazzklasse 19 Studenten. 1933 wurde die Jazzklasse allerdings wieder aufgelöst. Sowohl Matyas Seiber als auch Direktor Sekles fielen der rigiden Anwendung des Gesetzes zur "Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" zum Opfer, in dessen Folge allen ausländischen und jüdischen Lehrern des Hoch'schen Konservatoriums gekündigt wurde.

vgl. Jürgen Schwab: Der Frankfurt Sound - Eine Stadt und ihre Jazzgeschichten. 2004, S.24 ff.


Jazz goes Pop goes Jazz (aktuelle Aktivitäten des Jazzinstituts / current activities of the Jazzinstitut)

Vor wenigen Tagen erschien der mittlerweile 9. Band der Darmstädter Beiträge zur Jazzforschung mit dem Titel "Jazz goes Pop goes Jazz. Der Jazz und sein gespaltenes Verhältnis zur Popularmusik", herausgegeben von Wolfram Knauer, Hofheim 2006 (Wolke Verlag), ISBN 3-936000-03-4, Preis: 22 Euro. Das Buch versammelt die Referate des 9. Darmstädter Jazzforums im Jahr 2005, die die Frage nach Popularität und/oder Kunst in der Jazzgeschichte und der aktuellen Jazzszene behandeln. Die Besonderheit des Darmstädter Jazzforums sei, so der Darmstädter Oberbürgermeister Walter Hoffmann bei der Präsentation des Sammelbandes, dass "neben Musikwissenschaftlern, Soziologen und Fachjournalisten immer auch Kenner zu Worte kommen, die aus der Szene selbst stammen, in diesem Fall Musiker, Veranstalter und Label-Manager". Das Buch, so Wolfram Knauer, Direktor des Jazzinstituts, sei das erste auf dem Markt, das sich der Beziehung zwischen Jazz und Pop widme. Die Beiträge des Bandes beantworten die grundsätzliche Frage, was eigentlich Musik populär macht und erklären, wann und warum sich die Welten von Jazz und Popmusik trennten und wie sich ihr Verhältnis zueinander entwickelte. Der australische Historiker Andrew Hurley wirft in seinem Beitrag einen Blick auf Verhältnis des Kritikers und Produzenten Joachim Ernst Berendt zu Jazz und Pop. Bezug zum aktuellen Jazz hat der Beitrag des Skandinavisten Frithjof Strauß, in dem dieser zu erklären versucht, warum der skandinavische Jazz in Deutschland so populär ist. Weitere Beiträge stammen vom Popästhetiker Diedrich Diederichsen, dem Musikwissenschaftler Martin Pfleiderer, dem Journalisten Peter Kemper sowie von Doris Schröder und Wolfram Knauer, beide Mitarbeiter des Jazzinstituts Darmstadt. Aber auch Musiker kommen zu Wort, so Paul D. Miller, der beim letzten Jazzforum einen Vortrag über seine HipHop-Arbeit als DJ Spooky hielt, und Colin Towns, der britische Komponist, der im Interview über seine Arbeit berichtet. Die "Darmstädter Beiträge zur Jazzforschung" sind inzwischen eine international beachtete Publikationsreihe zu Fragen der Jazzforschung, gelten als Grundlagenlektüre für Jazzfans und Musikwissenschaftler gleichermaßen. Das Jazzinstitut Darmstadt als weltweit drittgrößtes Informations- und Dokumentationszentrum zum Jazz engagiert sich auch auf anderen Gebieten für sein Thema. Arndt Weidler war als Vertreter des Instituts Ende November an Gesprächen mit dem Kulturausschuss des Deutschen Bundestags und dem Staatsminister für Kultur und Medien im Kanzleramt beteiligt, bei denen es um die aktuelle Situation des Jazz in Deutschland genauso ging wie um zukünftige Förderstrukturen. Die vom Darmstädter Jazzinstitut konzipierte Ausstellung "Deutscher Jazz / German Jazz" wird ab 2007 vom Goethe-Institut für fünf Jahre übernommen und weltweit gezeigt - mehr als 30 Länder haben bereits ihr Interesse bekundet. Daneben verwalten die Mitarbeiter des Jazzinstituts zusammen mit ehrenamtlichen Kräften ein einzigartiges Archiv zur deutschen Jazzgeschichte. Vor wenigen Tagen gelang es, das Instrument des Frankfurter Trompeters Carlo Bohländer für dass Archiv zu sichern. Bohländer gilt als einer der ersten Jazztheoretiker Deutschlands, dessen Lehrwerke Albert Mangelsdorff maßgeblich beeinflussten. In Vorbereitung ist außerdem das 10. Jazzforum, das vom 4. bis 7. Oktober 2007 stattfindet und sich mit ethnischen Einflüssen im Jazz auseinandersetzt. Von Jan Garbarek im Norden Europas über Enrico Rava in Italien bis zum Pianisten Chano Dominguez, der den Flamenco seiner andalusischen Heimat mit Jazz vermengt, gibt es überall in Europa Beispiele kultureller Grenzüberschreitungen. Jazzmusiker haben sich der brasilianischen Bossa Nova zugewandt oder mit indischer Musik experimentiert, haben sich von afrikanischen Musikern oder sibirischen Obertonsängern inspirieren lassen. In Vorträgen (im Darmstädter Literaturhaus), Konzerten (in der Centralstation und der Bessunger Knabenschule) und Workshops wird sich das 10. Darmstädter Jazzforum diesem Themenkomplex widmen. (Foto: Frankfurter Rundschau)

Just published: the 9th volume of the "Darmstädter Beiträge zur Jazzforschung", a book titled "Jazz goes Pop goes Jazz. Der Jazz und sein gespaltenes Verhältnis zur Popularmusik" (Jazz and its ambivalent relationship(s) with popular music), edited by Wolfram Knauer and published at Wolke Verlag, Hofheim 2006 (ISBN 3-936000-03-4, 22 Euro). The book collects the essays of the 9th Darmstadt Jazzforum held in the fall of 2005 which discussed the question of popularity and/or art in jazz history and the current jazz scene. The specialty of the Darmstadt Jazzforum is, as the city's mayor Walter Hoffmann pointed out, that "next to the musicologists, sociologists and journalists you also hear from the musicians themselves as well as from concert promoters and label managers". The book, says Wolfram Knauer, the Jazzinstitut's director, is the first on the market to analyze the ambivalent relationship between jazz and pop. The essays give an answer to the question what makes music popular in the first place, when and why the worlds of jazz and pop music parted and how their relationship to each other developed. The Australian historian Andrew Hurley looks at the critic and producer Joachim Ernst Berendt and how he dealt with the worlds of jazz and pop. Frithjof Strauß, an expert in Scandinavian studies, tries to explain what makes Skandinavian jazz so popular in Germany. Other essays come from the pop aesthetic Diedrich Diedrichsen, the musicologist Martin Pfleiderer, the journalist Peter Kemper or from the Jazzinstitut's own Doris Schröder and Wolfram Knauer. But musicians are included as well, Paul D. Miller for example who at the last Jazzforum told the audience about the aesthetic background of his productions and performances as DJ Spooky, or Colin Towns, the British composer who talks about his current work. The "Darmstädter Beiträge zur Jazzforschung" have become a book series on jazz research of international reputation, basic reading for jazz fans and musicologists at the same time. The Jazzinstitut Darmstadt, the world's third largest information and documentation center on jazz, is active in other parts of the jazz life, as well. Arndt Weidler just visited with representatives of the cultural commission and with the head of the cultural department at the Office of the Federal Chancellor, to talk about the situation of German jazz today and discuss future initiatives to boost jazz activities on a national level in Germany. The exhibition "Deutscher Jazz / German Jazz", curated by Doris Schröder of the Jazzinstitut Darmstadt, will tour for the Goethe-Institut for the next five years and has already been asked for by more than 30 countries around the world. At the same time, the staff of the Jazzinstitut and its volunteers manage a unique archive on German jazz history. Just a couple of days ago the trumpet of Carlo Bohländer could be secured for the Jazzinstitut's collection. Bohländer was one of the first jazz theorists in Germany; his theory books influenced Albert Mangelsdorff. The Jazzinstitut is preparing the 10th Darmstadt Jazzforum which will take place from October 4th to 7th, 2007 and will center around ethnic influences on jazz. In Europe alone there are many examples for a crossing of boundaries and a mixing of influences: Jan Garbarek in the north, Enrico Rava in Italy, or the pianist Chano Dominguez who brought together the flamenco music of his Andalusian home and jazz. Jazz musicians made use of the Brazilian Bossa Nova or worked with Indian ragas, were inspired by African musicians or by Siberian throat singing. In lectures (at the Literaturhaus Darmstadt), in concerts (at the Centralstation and the Bessunger Knabenschule) and in workshops the 10th Darmstadt Jazzforum will deal with the many aspects of this subject. (photo: Frankfurter Rundschau)


Wuppertal in der Welt des Jazz / Wuppertal in the World of Jazz

Am 8. November eröffnete in der Stadtsparkasse Wuppertal eine beeindruckende Ausstellung zum Jazz in Wuppertal. E. Dieter Fränzel, der bereits das exzellente Buch "sounds like whoopataal. Wuppertal in der Welt des Jazz" (Klartext-Verlag, Essen, 2006) herausgegeben hatte, setzt dieser dokumentarischen Arbeit mit der Ausstellung noch eine Krone auf. Unzählige Fotos, knappe, informative Texte, Bücher und Schallplatten, Plakate, Instrumente, aber auch Kunstwerke, Bilder und Skulpturen, die sich mit dem Jazz beschäftigen oder von ihm inspiriert wurden, führen ein in eine städtische Jazzgeschichte, die weit über die Freejazzer hinausweist, für die Wuppertal allgemein bekannt ist. Bei der Eröffnung sprach der Sparkassendirektor, Peter H. Vaupel, der Ausstellungsmacher E. Dieter Fränzel selbst sowie Wolfram Knauer vom Darmstädter Jazzinstitut. Der fragte sich, wieso ausgerechnet in einer Mittelstadt wie Wuppertal künstlerische Entwicklungen möglich seien, die in mancher Metropole schwierig wären. Seine Erklärung: "Es ist vielleicht die Chance der mittelgroßen Städte, dass sie Fantasien ermutigen, Experimente im kleineren Kreis, dass in ihnen der Bürgerstolz auf die Avantgarde leichter scheint als in den Metropolen, in denen man weit mehr zur kritischen Distanz neigt. Da gibt es weniger örtliche Konkurrenz, es gibt weniger die Hektik der Großstadt, es gibt ein ruhigeres Diskussionsklima, und auch die Bevölkerung ist kulturell weniger abgestumpft. Man spürt einen Stolz auf Projekte, die in der Großstadt neben unzähligen anderen Aktivitäten wohl oft untergingen. Solche Mittelstädte können also den vermeintlichen Kulturzentren tatsächlich oft um einige Längen voraus sein." Knauer verwies auf die Vorgeschichte der Freejazz-Bewegung in Wuppertal, das Thalia-Theater, den Sender Elberfeld, den Klarinettisten und Saxophonisten Ernst Höllerhagen, der als "Benny Goodman des Wupper-Tals" bekannt wurde, und auf Wolfgang Sauer, den in den 50er Jahren wohl bedeutendsten Jazz- und Bluessänger Deutschlands. Er betonte die Bedeutung der Entwicklungen, die von Peter Brötzmann und Peter Kowald angestoßen wurden. Und er forderte die zur Ausstellungseröffnung zahlreich erschienenen (mehr als 500) Besucher auf, stolz zu sein auf ihre Stadt und deren Musiker und deren kreative Impulse. Ein Konzert mit dem Saxophonisten Wolfgang Schmidtke, dem Schlagzeuger Dietrich Rauschtenberger und dem Kontrabassisten Christian Ramond rundete die Eröffnung auch musikalisch ab. Zu den dreien gesellte sich der Künstler Helge Leiberg, der auf zwei Overheadprojektoren live zur Musik zeichnete und malte, Bilder und Farbflächen entstehen ließ und wieder verwischte und so die gerade in Wuppertal immer vorhandenen Verbindungen zwischen den diversen Künsten dokumentierte. Die Ausstellung ist noch bis Anfang Januar zu sehen und absolut empfehlenswert.
Mehr: http://www.jazzbuch-wuppertal.de
(Foto: v.l.n.r.: E. Dieter Fränzel, Wolfram Knauer, Peter H. Vaupel, Helge Leiberg)

On November 8th, an impressive exhibition opened at the Stadtsparkasse Wuppertal, documenting the city's jazz history. E. Dieter Fränzel, editor of the excellent book "sounds like whoopataal. Wuppertal in der Welt des Jazz" (Klartext-Verlag, Essen, 2006), has produced an extensive exhibition that shows numerous photos, informative texts, books, record covers, posters, instruments, but also works of art, sculptures and paintings dealing with or having been inspired by jazz. Speeches at the opening included the director of the Stadtsparkasse Peter H. Vaupel, E. Dieter Fränzel himself, and Wolfram Knauer from the Jazzinstitut Darmstadt. Knauer reflected upon why certain artistic developments seem to be easier in medium-sized cities. His explanation: "Perhaps it is the chance of medium sized-cities that they encourage phantasies, experiments in small circles, that there seems to be more of a bourgeous pride in the avantgarde than in cities of a bigger size where people tend to have more of a critical distance. There is less local competition, there is a less of a hectical life than in the big cities, there is a calmer climate for discussion, and the people seem to be less weary of cultural events. They keep a pride in projects which in bigger cities might not be registered at all next to so much other activities. Thus, medium-sized cities can often be more productive than the so-called cultural centers." Knauer mentioned the pre-history of the free jazz movement in Wuppertal, the Thalia-Theater, the radio station Sender Elberfeld, the clarinetist and saxophonist Ernst Höllerhagen, who became known as the "Benny Goodman from the Wupper-Tal", and Wolfgang Sauer, who became the most successful German jazz and blues singer of the 1950s. He stressed the importance of the developments started by Peter Brötzmann and Peter Kowald. And he asked the large audience attending the opening (more than 500) to be proud of their city, of its musicians and of their creative impulses. A concert with the saxophonist Wolfgang Schmidtke, the drummer Dietrich Rauschtenberger and the double bassist Christian Ramond rounded off the opening in a musical way. The three were accompanied by the artist Helge Leiberg who painted on overhead projection, created drawings and sheets of color and wiped them out again and thus demonstrated the inter-arts projects Wuppertal always favored. The exhibition can be viewsws until early January and is highly recommended.
More: http://www.jazzbuch-wuppertal.de
(Foto: Wolfram Knauer at the opening of the exhibition)


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